Vier Buchtipps aus der Oktober-Ausgabe von DISPLAY – vom «Spiegel»-Reporter, der mit 50 übers Älterwerden nachdenkt, bis zum Doyen der schwulen Schweizer Literatur.
Buch-Tipp
Lang leben ist ok, alt werden nicht
Das Älterwerden ist eine Beleidigung. Gibt es etwas Bedrohlicheres für das narzisstische Ego als das Nachlassen der Kräfte und die Vorstellung, vielleicht in nicht allzu vielen Jahren nicht mehr «gebraucht» zu werden?
Mit dem Phänomen des Alterns beschäftigt sich ein Buch des «Spiegel»-Reporters Alexander Kühn.
Anlässlich seines 50. Geburtstags wird er nachdenklich: «In wenigen Monaten wird etwas Dramatisches passieren. Ich werde 50. Mehr als die Hälfte meiner Zeit ist dann vermutlich rum. Wir, die Generation Golf, gehören zu den Oldtimern. Ich trage jetzt eine Gleitsichtbrille, der Ischias tut weh. In Cafés, in denen junge Gäste geduzt werden, siezt die Kellnerin mich. In der Firma gehöre ich plötzlich zu den Älteren.
Wie blicken die Jüngeren wohl auf mich? Und wie vermeide ich es, ein Früher-war-alles-Besserwisser zu werden? Wie werde ich ein cooler Alter, der die moderne Welt als bereichernd empfindet, der neugierig ist und offen?»
Für sein Buch sprach Kühn mit Normalos, aber auch mit Promis wie Otto Waalkes, Barbara Schöneberger, Thomas Gottschalk oder Nana Mouskouri. Was er dabei erfahren hat, ist nicht immer weise und geistreich, meist jedoch ziemlich amüsant.
Alexander Kühn: «Älterwerden für Anfänger. Was ich mir dabei von Nana Mouskouri, Thomas Gottschalk und meiner Mutter abschauen möchte – und was lieber nicht.»
▶ Spiegel Buchverlag
Werkausgabe
Das Opus eines grossen Stilisten
Christoph Geiser ist der Doyen der schwulen Schweizer Literatur (wobei er eine derartig simple Umschreibung seiner selbst wohl empört von sich weisen würde). In den sechs Jahrzehnten seines Schreibens hat er ein imposantes Opus geschaffen, das in einer ebenso imposanten Werkausgabe vom Secession Verlag herausgegeben wurde. Sie gehört integral in jede Sammlung des literaturaffinen Schwulen.
Es ist ein Genuss, den sprachlichen Wandel des grandiosen Stilisten mitzuverfolgen. In seinem fliessenden Erzählstil schildert er Landschaften und Leidenschaften, Sehnsucht und Sexualität – ursprünglich in realistischem Stil, zunehmend aber traumhaft-surreal.
Im Laufe der Jahrzehnte verändert sich naturgemäss auch des Erzählers Sicht der Dinge. Immer aber bleibt der aufmerksame Blick auf den Mann und insbesondere den Epheben ein zentrales Motiv. Ein Motiv, das uns genauso umtreibt wie ihn.
Neu erschienen ist nun «Die Spur der Hasen. Eine Grablegung», in der sich Geiser mit einer russisch-jüdischen Familiengeschichte auseinandersetzt.
Wir empfehlen allerdings als Einstieg in Geisers Werk seine gesammelten Erzählungen sowie die Romane «Wüstenfahrt» und «Kahn, Knaben, schnelle Fahrt».
Es ist ein grosser Gewinn, das Werk des in Basel geborenen Schriftstellers zu studieren.
Christoph Geiser: Werkausgabe in 13 Bänden. Secession-Verlag Berlin.
▶ Infos: secession-verlag.com
Roman
Bayerische Dorfidyllenhölle
Viele von uns haben ein Déjà-vu, wenn sie den Plot des Buchs «Rosa ist die Welt mit tiefblauen Flecken» lesen. Darin kehrt ein schwuler Mann, der seiner ländlich-konservativen Heimatgemeinde schon vor vielen Jahren den Rücken gekehrt hat, zurück. Und wird sogleich um viele Jahre zurückkatapultiert in eine Zeit, in der er das Aussenseiter-Kind war.
Eine Beerdigung. Ein Theaterbesuch. Eine Kindheit, die plötzlich zurückkommt. Bei einem Besuch des von ihm heiss geliebten Musicals «The Rocky Horror Show» kehrt Johannes Eisner ungebeten in die 80er-Jahre zurück, in das idyllische bayerische Dorf seiner Kindheit. Freibad, Hörspiele, Actionfiguren, geheime Treffen in Opas Scheune.
Philipp W. Wilhelm erzählt in seinem autofiktionalen Roman vom scheinbar behüteten Aufwachsen in überforderten Familien, von rauchgeschwängerter Geborgenheit, vom Zeitgeschehen und von einer Gesellschaft, die lieber weg- als hinschaut.
Ein leiser Roman über fragile Freundschaften, das erste Aufkeimen queerer Identität und Verletzungen, die früh entstehen, aber lange unentdeckt bleiben.
«Der Titel hat mehrere Bedeutungsebenen», erklärt der Autor. «Er leitet sich vom Rocky-Horror-Song ‹Rose Tint My World (Keep Me Safe from My Trouble and Pain)› ab. Zugleich spielt er auf die ‹rosafarbene Kindheit› an, zu der sich im Laufe der Zeit tiefblaue Flecken gesellen, sobald negative Erfahrungen mit der unbeschwerten Kindheit kollidieren.
Und schliesslich sind die tiefblauen Flecken ein Verweis auf die AIDS-Krise, die meinen Umgang mit Sexualität früh geprägt hat – ein subversives Thema, das wie ein Damoklesschwert über dem gesamten Roman hängt.»
Philipp W. Wilhelm: «Rosa ist die Welt mit tiefblauen Flecken».
Die Seite des Autors: johannes-eisner.de
▶ Der Verlag/bestellen: buchshop.bod.ch
Roman
Life is a bitch
Manuel Sandrino neigt zu dramatischen Geschichten und Geschicken. Und der Basler liebt die Figuren der Antike. Zum Beispiel den bezaubernden Ganymed, der dem Göttervater Zeus den Kopf verdreht hat.
In seinem neuen Roman lässt der Schweizer Autor zahlreiche Figuren auftreten, deren Schicksale auf geheimnisvolle Art miteinander verwoben sind.
Es geht um den hübschen Teenager Sullivan, der eigentlich eine Wiedergeburt Ganymeds sein soll – gleichzeitig aber auch ein Arzt namens Nils und ein Pornostar namens François. Die Schicksalsfäden scheinen heillos verknotet. Da blickt keiner mehr durch. Aber keine Angst, Manuel Sandrino wird den Knoten schon wieder lösen.
Manuel Sandrino: Verwechselt & entführt: das Schicksal des Ganymed.
▶ Himmelstürmer
