Rote Highheels für alle! In Bastian Krafts «Der Zauberer von Oz» am Schauspielhaus Zürich ist nichts so unschuldig, wie es auf den ersten Blick scheint. Farbige Tücher, die an die Farbcodes der schwulen Community erinnern, schillernde Kostüme und viele, viele queere Anspielungen entwerfen eine Geschichte über Ruhm, Anpassung und die Frage, wer eigentlich bestimmen darf, wie wir zu sein haben.
Kraft streut seine Anspielungen mit sichtbarer Freude, und das queere Märchen wird – einmal mehr auf der Pfauenbühne – grossartig gefeiert. Wer die Codes kennt, erkennt mehr als eine Hommage; wer sie nicht kennt, bekommt einen Einblick in eine etwas andere Kultur. Wer allerdings eine Fortsetzung von Krafts «Die kleine Meerjungfrau – A Fluid Fairy Fantasy» erwartet, dürfte überrascht sein. «Der Zauberer von Oz» schlägt einen anderen Ton an. Das Märchen wird zur Reise durch eine Welt, in der Träume produziert, Stars erschaffen und Menschen an den Erwartungen anderer gemessen werden.
Hinter dem Regenbogen
Seit Judy Garland 1939 als Dorothy über die Kinoleinwand flimmerte, ist «Over the Rainbow» weit mehr als ein Filmsong. Für Generationen queerer Menschen wurde das Lied zum Versprechen einer anderen Welt: einer Welt, in der man nicht erklären muss, weshalb man anders ist, und endlich sein darf, wer man ist.

Bastian Kraft weiss um diese Story und lässt die Symbole regelrecht aufs Publikum los. Die roten Schuhe, die Hexen, die Verwandlung und die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man dazugehört: Das alles lässt sich wunderbar queer lesen. Doch der Regisseur belässt es nicht bei der Märchenwelt. Er führt sein Publikum auch dorthin, wo Hollywoods Traumfabrik ihre Schatten wirft.
Hollywoods schöne Illusion
Der Film von 1939 machte Judy Garland zum Weltstar. Hinter dem Glanz stand ein System, das seine Stars kontrollierte und insbesondere Frauen in enge Rollen presste. Aussehen, Körper und Image waren keine Privatsache. Sie gehörten zur Marke, die Hollywood aus seinen Darstellerinnen machte.
Garland wurde später zur Ikone der queeren Community. Dass sich hinter dieser Ikone auch eine Frau verbirgt, deren Leben von den Erwartungen der Unterhaltungsindustrie geprägt war (bis hin zur Tablettensucht), gibt dem Märchen eine zusätzliche Dimension. Gleich zwei spielen sie: David Rothe, der auch die Dorothy gibt, und Birgit Walter. Es wird nicht das einzige Spiel mit den Geschlechtern an diesem Abend sein.
Auch die Hexen erscheinen in diesem Licht weniger eindeutig. Wer Macht besitzt, sich nicht an die Regeln hält oder dem geltenden Schönheitsideal widerspricht, wird schnell zur Bedrohung erklärt. Gut und böse sind dann keine so stabilen Kategorien mehr, wie das Märchen glauben machen möchte. Die roten Highheels gehören längst nicht mehr nur Dorothy.

Von Judy Garland zu Stonewall
Garlands Tod im Juni 1969 lag nur wenige Tage vor dem Stonewall-Aufstand in New York, der zu einem Wendepunkt der queeren Emanzipationsbewegung wurde. Ein direkter Zusammenhang ist nicht belegt – trotzdem schlägt die Inszenierung hier eine Brücke und erinnert daran, wie sehr schwarze und trans Personen die queere Bewegung geprägt haben. Das driftet doch etwas ins Didaktische ab, das Publikum reagiert verhalten. Wird hier das Theater zum Geschichtsunterricht? Auf der anderen Seite: Dem Pfauenpublikum tut diese Botschaft sicherlich gut. Nur zeigt sich hier eben auch, dass nicht jede wichtige Botschaft auf der Bühne zu einem starken Theatermoment wird.

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit
Im Kern erzählt «Der Zauberer von Oz» von der Sehnsucht, irgendwo anzukommen. Dorothy sucht ihren Weg nach Hause. Judy Garland wurde zu einer Projektionsfläche für Menschen, die sich nach einem Leben ausserhalb gesellschaftlicher Normen sehnten. Und das queere Publikum erkennt in dieser Geschichte bis heute etwas von sich selbst.


Manchmal braucht es dafür keine Erklärung. Bei der Premiere schüttelt eine ältere Zuschauerin wiederholt den Kopf und blickt verlegen zu Boden. Dahinter lacht das queere Publikum verstörend laut durch den Saal. Zwei Reaktionen auf denselben Abend: Die eine irritiert, die andere amüsiert sich. Vielleicht liegt gerade darin eine der Qualitäten dieser Inszenierung: Sie macht sichtbar, dass ein und dasselbe Bild ganz unterschiedliche Welten öffnen kann.
Kraft erzählt ein bekanntes Märchen neu und findet dabei überraschende Perspektiven. Manche stellt er etwas zu nachdrücklich aus, seine stärksten Momente entstehen dort, wo die Bilder für sich sprechen dürfen. Und diese queere Lesart von Oz muss sich nicht für ihre Existenz rechtfertigen. Sie macht queere Kultur sichtbar und feiert ihre Codes, ohne sie ständig erklären zu müssen.
Am Ende bleiben die roten Schuhe. Und die Frage, wer sie alles tragen darf – oder soll.
Zweimal Bastian Kraft
Der November am Pfauen wird ziemlich queer
Beide Märchen von Bastian Kraft stehen auf dem Spielplan, Beginn jeweils 20 Uhr.
Das Stück
Der Zauberer von Oz
von Bastian Kraft, nach dem Roman von L. Frank Baum, mit einem Epilog von Kay Matter
Pfauen, Schauspielhaus ZürichPremiere 24. Oktober 20262 Stunden ohne Pause
Der Regisseur Bastian Kraft, Jahrgang 1980, aus Göppingen, liest Klassiker gern neu. Am Schauspielhaus inszenierte er schon «Homo Faber», «Buddenbrooks» und «Die kleine Meerjungfrau – A Fluid Fairy Fantasy».
Gut zu wissen Der Abend erzählt auch von Sucht und Medikamentenabhängigkeit; dazu grelles Licht, Nebel und laute Musik.
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