Virtuelle Sexobjekte: Brauchen wir noch echte Menschen?

Lifestyle

Louis Mast alias Angelicboy: Ist das Bild nun echt oder virtuell? Dies zu beurteilen, wird immer schwieriger.
Bits und Bytes vs The Real Thing: Wie die Künstliche Intelligenz unsere erotischen Fantasien verändert.

Wer auf X scrollt, um erotische Inhalte zur Selbstbefriedigung zu konsumieren, trifft längst nicht mehr nur auf menschliche Creators. Accounts wie DigitalDreamZ @bad_imso demonstrieren eindrücklich, wie synthetische, hochgradig durchstilisierte Mini-Storys und algorithmisch optimierte Nischendarstellungen – von globalen Fantasy-Szenarien bis zu spezifischen Märkten wie den stark frequentierten Bi-Boy-Netzwerken in Kolumbien – im Erotik-Business viral gehen.

Dahinter steckt ein grundlegend neues Geschäftsmodell: Digitale Models eignen sich perfekt für Tabuund Nischencontent. Der Creator agiert hier nicht mehr als physisches Objekt vor der Kamera, sondern wird zum Regisseur und Creator einer eigenen Storyline und eines digitalen Avatars. Anstatt den eigenen Körper preiszugeben, steuern die Content Creators die generative Maschinerie. Theoretisch könnte aber auch das eigene Gesicht oder der eigene Körper in Form eines KI-Klons digital vervielfältigt werden.

KI-Trend: Kolumbianische Bi-Boys @bad_imso.

Wir wollten wissen: Wie verändern solche Avatare und KI-Modelle den Markt?

DISPLAY hat sich in das Thema vertieft und mit OnlyFans-Creator*innen aus der Community erörtert, wie diese Entwicklung das traditionelle Business-Modell und die menschliche Interaktion auf den Prüfstand stellt. Ein Blick auf die Schnittstellen von digitaler Ökonomie, minderwertigem KI-Slop und echtem menschlichen Begehren.

KI oder Real? Viele Fans kümmert es nicht

Louis Mast war im deutschsprachigen Raum einer der Ersten, der OnlyFans als hochprofitables Business-Modell erkannte und für sich nutzte. Unter dem Namen Angelicboy hat er sich über diverse Plattformen eine Millionen-Reichweite aufgebaut und, was noch viel wichtiger ist, treue Abonnent*innen gefunden, die für digitale Inhalte, exklusive Gespräche und Erlebnisse Geld bezahlen. Mast selbst ist bekannt, weil er von Anfang an auf hohe ästhetische Standards gesetzt und gleich mit Industrielegenden wie Sean Ford zusammengearbeitet hat.

Mast selbst beschäftigt die KI-Entwicklung in der Erotikbranche ebenfalls: «Natürlich gibt es mehrere Modelle dafür. Das Ding ist: Wenn es um OnlyFans geht, kann man direkt mit KI-Modellen und eigenen Bildern arbeiten. Es gibt aber auch spezialisierte Websites, die dafür gemacht sind, KI-Boyfriend-/-Girlfriend-Experiences zu erstellen und zu verkaufen. Das habe ich mir auch mal angeschaut, und da kann man echt Kohle machen.»

Louis Mast

Ebenso erzählt er, dass er schauen wollte, ob er sich selbst nicht auch digital klonen könnte und ob seine Fans das überhaupt verstehen.

«Ich habe von mir mit einem KI-Tool einen Klon erstellt. Das erste Posting war eigentlich klar als KI ersichtlich, trotzdem habe ich Zuspruch und Komplimente erhalten», erzählt er am Telefon. «Danach habe ich eine Zeit lang wieder normale Bilder gepostet und dann dazwischen wieder KI-Bilder. Niemand hat etwas geschrieben, und die Posts haben gut performt», erzählt er lachend. Für Mast, der sich auch für den digitalen Wandel interessiert, scheint dies ein Problem weit über die Erotikbranche hinaus zu sein.

«Gerade die ältere Generation scheint KI oft nicht zu erkennen», meint er und schiebt nach, dass aber eben auch Jüngere teilweise unkritisch positive Kommentare unter solche Posts schreiben.

Sexpositiv: Louis Mast

Bedeutet das nun das Aus für die OnlyFans-Branche?

Louis glaubt, dass es für Selbstbefriedigung und kurze, rein visuell getriebene Fantasien immer mehr Leuten egal sei, ob das nun echt oder KI ist – vor allem, weil es kaum mehr unterscheidbar sei.

«Gleichzeitig zahlen die meisten Leute, die dafür Geld ausgeben, ja für Mensch-zu-Mensch-Interaktion. Ein Geldsklave will nicht von einer Maschine erniedrigt und ausgenommen werden. Aber auch Fetische oder private Nachrichten, Sprachmemos oder selbst Videocalls lassen sich nicht so leicht durch KI ersetzen», erklärt er. Zwischendurch wird die Verbindung schlecht.

Louis’ Stimme klingt echt. Er lacht echt, er klingt charmant, kommt direkt auf den Punkt. «Bei einer KI weiss man, das ist nicht echt. Die wollen halt jemanden, der macht, was man will.»

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Wie sich das Business verändert

Mast ist seit 2019 auf der Plattform und begeistert mit seinen goldenen Locken, dem breiten Grinsen und imposanten weiteren körperlichen Merkmalen digital Tausende von Leuten. «OnlyFans war ein Hype. Alle waren während der Pandemie zu Hause, und das hat einen riesigen Boom ausgelöst. Weil alle mit ihrem Erfolg geprahlt haben, wurde die Plattform von neuen Creators überflutet», erinnert er sich an die Zeit der Spitzenumsätze, in der die Plattform gehypt worden ist. Seitdem habe sich unser aller Leben verändert.

Konsum statt Kommunikation auf Social Media

Das Digitale sei wieder weniger sozial, weniger gemeinsam. «Abonnent\*innen sind selbst weniger online und schreiben weniger Nachrichten als früher. Aber diese schwindende Interaktion ist im ganzen Internet so. Man sieht heutzutage mehr Bots und KI auf allen Plattformen», betont er. Ein Phänomen, das erstaunen mag. Tatsächlich sind gerade jüngere Menschen weniger auf Social Media für Interaktion oder Austausch unterwegs. Sie konsumieren Inhalte, und vor allem führen sie wieder reale Gespräche – draussen, in privaten Chatgruppen oder per Videocall. Trotzdem scheinen Social Media schneller denn je zu laufen. Mast, der aktuell auf Zypern lebt und von dort aus sein digitales Business aufbaut, hat dazu eine Theorie:

«Soziale Medien werden gerade künstlich am Laufen gehalten.»

Gerade deshalb, betont er, würde das Menschliche langfristig gewinnen. «Kreativität und Persönlichkeit bleiben das, was Menschen langfristig dabeihält. Ich biete zum Beispiel Videocalls an und bekomme für zehn Minuten bis zu 200 Dollar. Selbst Fenix, die Firma hinter OnlyFans, investiert massiv in neue Modelle, um die Umsatz- und Angebotsmöglichkeiten für menschliche Creators zu optimieren.»

Celia Shia finanzierte ihre Geschechtsangleichung teilweise mit OnlyFans. KI-Inhalte lehnt sie auf ihren Kanälen ab.

«Leute geben mehr Geld für echte menschliche Produktion aus.»

Auch die trans Creatorin Celia Shia, die international zu den Topverdienenden auf OnlyFans gehört, hat einen ähnlichen Blick auf KI.

«Ich persönlich merke die Konkurrenz noch nicht. Ich sehe KI-Inhalte als eine andere Form. Die Bilder sehen perfekt aus, aber diese Form des Inhalts gab es schon immer. Ich lehne für meine Kanäle KI-Content ab. Manchmal werden Inhalte mit meinem Gesicht auf Social Media erstellt. Das fällt mir auf. Aber das KI-Thema ist für mich noch weit weg», betont sie im Gespräch mit DISPLAY. Sie selbst hat mit OnlyFans damals angefangen, um Operationen auf dem Weg zu ihrem eigenen Selbstbild zu finanzieren.

Der Wert der echten Persönlichkeit

«Bei mir kommen die Leute wegen meiner öffentlichen Person, Inhalten auf Social Media und in meinem Fall der echten Person, die auch mit Persönlichkeit punktet. Meine Follower sehen mich auch in Alltagssituationen, ich spreche über meine Herausforderungen und meine Identität», erzählt sie und betont, dass es ihr längst nicht mehr darum gehe, reine Perfektion zu liefern. Reibung, Unerwartetes und auch Alltagssituationen erzeugen deutlich mehr Bindung zu ihrer Community als nur geglättete Hochglanzbilder.

«Als ich anfing, wollte ich eine perfekte Version von mir zeigen und habe mich visuell und inhaltlich möglichst so präsentiert – auch geprägt von Unsicherheiten. Über die letzten Jahre wurde ich jedoch viel realer und ungefilterter. Gerade als trans Frau habe ich es zu lieben gelernt, mich auch ungeschminkt oder ungestylt zu zeigen.»

Damit gibt sie Einblicke in die Lebensrealität einer trans Frau und schafft gleichzeitig eine Vertrauensbasis, die ihre Community immer wieder zurückkehren lässt. Schliesslich finanzieren sich viele OnlyFans-Creator\*innen über treue, teils langjährige Fans.

«Nacktbilder gibt es wie Sand am Meer, aber die Fans wollen Bindung und suchen dafür eben echte Persönlichkeiten. Es bestärkt mich, dass mich die Leute als trans Frau wirklich kennenlernen und unterstützen wollen.»

Über das Überleben in der Creator-Ökonomie

KI-Inhalte könnten ihrer Einschätzung nach noch nicht so authentisch und langfristig eine eigene Persönlichkeit aufbauen. Zudem sei die Flut an kostenloser nackter Haut im Internet sowieso riesig. Wer da monetarisieren will, muss mehr liefern als Haut und Perfektion.

«Ich kann natürlich nicht für alle trans Frauen sprechen. Ich war immer freizügig und separiere das auch auf OnlyFans von anderen Plattformen. Wirtschaftlich bin ich freier, ich habe keinen Chef und kann über mein Leben selbst entscheiden. Als trans Frau hatte ich immer das Gefühl, ich müsse mich doppelt oder dreifach beweisen als andere Mitmenschen.

 

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Die digitale Karriere hat einen positiven Einfluss auf mich gehabt. Gleichzeitig habe ich auch die Kontrolle über meine Entscheidungen behalten, mir Grenzen gesetzt, und OnlyFans war für mich eine positive Erfahrung», beteuert Celia und ergänzt: «Es ist aber weiterhin Sexwork, und ich ernte durchaus auch Hass, habe Freunde verloren und musste Stigmatisierung erleben. Für mich fühlt es sich dennoch immer noch nach der richtigen Entscheidung an», erinnert sich die Creatorin, die allein auf Instagram eine Community von mehr als 80’000 Menschen erreicht.

«Ich gehöre aber auch zu den Top-Creator\*innen, und die anderen 99 Prozent, die nicht so viel verdienen, werden oft vergessen. Da anzufangen und sich da hochzukämpfen, war nicht einfach und hat viel Durchhaltevermögen gebraucht. Ich musste wissen, wer ich bin, und mir ein dickes Fell zulegen um diesen Beruf wirklich täglich auszuüben», betont sie. Empfehlen möchte sie diesen Weg niemandem, der sich selbst nicht kennt.

Aufklärung als Teil des Business

«Ich mache auf meinen Social-Media-Kanälen auch Aufklärungscontent. Das hilft für mehr Verständnis in meiner Community, aber ganz grundsätzlich gibt es zunehmend Männer, die sich selbstständig über digitale Kanäle zu trans Themen informieren, und immer mehr, die sich dazu auch positiv äussern», betont sie mit Blick auf die Entwicklung ihrer Community und das Feedback zu ihrer Identität.

KI kann die Lebensgeschichte einer queeren Person – in der Erotikbranche, aber auch in anderen digitalen Modellen – schlicht nicht so authentisch und langfristig abbilden und dabei gleichzeitig Aufklärung, Sensibilisierung und den Abbau von Vorurteilen leisten.

Am Ende entlarvt die KI-Welle vor allem eine Sehnsucht, die keine Maschine stillen kann: den Drang nach echten Ecken, Kanten und gelebter Biografie. Ob Louis Mast, der als digitaler Unternehmer auf echte Mensch-zu-Mensch-Interaktion setzt, oder Celia Shia, deren Identität und Sichtbarkeit als trans Frau das Fundament ihres Erfolgs bilden – sie zeigen, dass der wahre Luxus im Zeitalter digitaler Klone unkopierbar bleibt. Wer im Netz langfristig überleben will, verkauft längst keine nackte Haut mehr. Sondern Persönlichkeit.

Josia Jourdan

Redaktion
DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

18.10.2026

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