Am 5. September wurde in Belgrad demonstriert, gefeiert – und vor allem eingefordert. Unter dem Motto «There Is Room for All of Us» zog die Pride durch die serbische Hauptstadt. Es ist derselbe Slogan, unter dem bereits die erste Pride des Landes im Jahr 2001 stattfand.
Der Unterschied: Heute kann eine Pride in Belgrad stattfinden, ohne dass sie bereits vor Beginn verboten wird. Seit 2014 wird sie – mit Ausnahme der pandemiebedingten Pause – regelmässig durchgeführt. Doch von echter Gleichstellung ist Serbien weiterhin entfernt.
Ein Vierteljahrhundert – und noch immer dieselben Forderungen
Die Wahl des Mottos war deshalb bewusst. Die Organisator wollten an jene erste Pride erinnern, die 2001 gewaltsam angegriffen wurde. Damals wurden Teilnehmende von rechtsextremen Gruppen und Hooligans attackiert. Die Bilder dieser sogenannten «Bloody Pride» gehören bis heute zur queeren Geschichte Serbiens.
25 Jahre später sind die Forderungen der Community in zentralen Punkten noch immer nicht erfüllt.
Ganz oben steht die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare. Serbien kennt weiterhin weder die Ehe noch eine eingetragene Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare. Damit fehlen vielen Paaren rechtliche Absicherungen, die für heterosexuelle Ehepaare selbstverständlich sind – etwa bei Erbschaften, medizinischen Entscheidungen oder gemeinsamem Eigentum.
Auch ein umfassender gesetzlicher Rahmen für Geschlechtsidentität und die Rechte intergeschlechtlicher Menschen gehört weiterhin zu den Forderungen der Pride-Bewegung. Hinzu kommen Forderungen nach einem konsequenteren Vorgehen gegen Hassrede und queerfeindliche Gewalt.
Sichtbar – aber nicht selbstverständlich sicher
Dass die Pride überhaupt stattfinden konnte, bedeutet deshalb nicht, dass die Auseinandersetzung vorbei ist.
Die diesjährige Route war von Absperrgittern und einem grossen Polizeiaufgebot gesichert. Entlang der Strecke kam es zwar nicht zu grösseren gewalttätigen Zwischenfällen, bei der Kirche der Himmelfahrt versammelten sich jedoch Pride-Gegner. Es wurden abwertende Parolen gerufen und unter anderem der Name des verurteilten Kriegsverbrechers Ratko Mladić skandiert. Die Polizei hielt die Gruppen voneinander getrennt.
Für die Veranstalter ist die Situation Teil eines grösseren Problems. Die Pride findet in einer Zeit statt, in der Menschenrechtsaktivist in Serbien zunehmenden Druck und eine Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas beobachten. Gleichzeitig warten queere Menschen weiterhin auf konkrete politische Fortschritte.
Auch die Schweiz war dabei
Inmitten dieses Spannungsfelds fiel auch die Präsenz der Schweizer Botschaft in Belgrad auf. Vertreter der Botschaft nahmen an der Pride teil und stellten sich damit sichtbar an die Seite der queeren Community.
Für eine diplomatische Vertretung mag das auf den ersten Blick wie ein symbolischer Auftritt wirken. In einem Land, in dem zentrale queere Rechte seit Jahren auf ihre gesetzliche Anerkennung warten, ist internationale Unterstützung jedoch mehr als reine Dekoration.
Die Schweiz hat damit ein Signal gesetzt: Menschenrechte gelten nicht nur dort, wo ihre Verteidigung bequem ist. Und Pride ist nicht nur eine Party, sondern auch eine Demonstration für Gleichheit, Sicherheit und die Freiheit, das eigene Leben selbstbestimmt zu führen.
Ein langer Weg – aber nicht ohne Fortschritt
Belgrad 2026 ist deshalb weder eine reine Erfolgsgeschichte noch ein Rückfall in vergangene Zeiten.
Dass Tausende Menschen heute durch die Hauptstadt marschieren können, wo eine solche Demonstration vor 25 Jahren in Gewalt endete, ist ein bedeutender Wandel. Gleichzeitig zeigt die Tatsache, dass die Community noch immer für die rechtliche Anerkennung ihrer Beziehungen und grundlegende Schutzmechanismen kämpfen muss, wie unvollständig dieser Wandel ist.
Vielleicht liegt genau darin die Bedeutung des diesjährigen Mottos: «There Is Room for All of Us» ist nach 25 Jahren noch immer eine Forderung.
Nicht, weil queere Menschen in Serbien unsichtbar wären. Sondern weil sie endlich auch rechtlich und gesellschaftlich den Platz bekommen wollen, der ihnen längst zusteht.
