Als Derek Chadwick und der ehemalige BeReal-Community-Manager David Aliagas Goose im Juni als Konkurrenz zu Grindr und Scruff lancierten, war das Versprechen simpel und verführerisch: weg vom Algorithmus, weg vom endlosen Raster aus Oberkörpern, hin zu Begegnungen über das Leben, das man bereits führt. Statt zu matchen, „winkt“ man sich auf Goose zu – erst wenn der Wink erwidert wird, kommt eine Verbindung zustande. Die App setzte auf gemeinsame Orte, Freundeskreise und Events in der Nähe statt auf reine körperliche Filter, und das Konzept zog: Innert Wochen sammelte die App eine Bewertung von 4,5 Sternen im App Store und durchweg positive erste Rezensionen.
Ein grosser Teil dieser Dynamik ging auf Chadwick selbst zurück. Der 31-jährige Model und Schauspieler – bekannt aus Scream Queens und mit 1,6 Millionen Followern auf Instagram – stellte von Anfang an sein Gesicht und seinen Namen für die Marke zur Verfügung. Umso überraschender kam es, als er am Abend des 18. August auf seinem privaten Account bekannt gab, bereits eine Woche zuvor bei Goose ausgestiegen zu sein.
In seinem Statement stellte Chadwick den Ausstieg bewusst als Prinzipienfrage dar, nicht als Zerwürfnis. Seine eigene Vorstellung davon, wohin sich das Projekt entwickeln sollte, habe sich schlicht von der Richtung entfernt, die das Unternehmen einschlage – ein Satz, der gleichzeitig als Erklärung und als Mahnung an alle gelesen werden kann, die eine Marke um ein öffentliches Gesicht herum aufbauen: „Wenn mein Name und mein Gesicht für etwas stehen, will ich voll und ganz dahinterstehen können.“ Dem Team, das er zurücklässt, wünsche er nichts als das Beste, betonte er, und bedankte sich bei der frühen Community – bei allen, die gewinkt, geschrieben und tatsächlich Freundschaften über die App geschlossen hätten. Genau das sei von Anfang an der eigentliche Sinn der Sache gewesen.
Was Chadwick nicht direkt ansprach: ob der Zeitpunkt seines Abgangs mit einer unangenehmeren Geschichte zusammenhängt, die sich im Hintergrund um Goose zusammenbraute. Kurz vor seinem Ausstieg hatte eine Recherche des Magazins Wired unbequeme Fragen dazu aufgeworfen, wie die App ihren frühen Hype eigentlich erzeugt hatte – dutzende Instagram-Profile, die für Goose warben, sollen deutliche Anzeichen von KI-Generierung aufgewiesen haben. Das Magazin fand zudem einen Account nahe Mitgründer David Aliagas, der bezahlte „Botschafter“-Stellen ausschrieb und Geld für sogenannte „Finstas“ anbot – gefälschte Zweit-Accounts auf Instagram. Goose weist die Vorwürfe entschieden zurück und liess verlauten, jede eingeladene Person sei vom Team persönlich ausgewählt worden, man arbeite rund um die Uhr daran, die Plattform frei von den Fake-Profilen zu halten, die andere Apps plagen. Metro Weekly
Goose selbst reagierte auf Chadwicks Abgang mit einem auffallend zurückhaltenden Statement: Man danke ihm für die Führung und Vision, die er ins Unternehmen eingebracht habe, und werde weitere Personalentscheide zu gegebener Zeit kommunizieren. Chadwick selbst liess die Tür eher offen als geschlossen – sein Abschiedspost endete mit dem Versprechen, dass er für die Community noch lange nicht fertig gebaut habe. Mehr, so viel steht fest, soll folgen.
