Elf Tage lang wurde Locarno wieder zur Hauptstadt des unabhängigen Kinos. Zwischen Weltpremieren, Piazza-Glamour und politischem Protest zeigte das Festival, wie sinnlich, unbequem und überraschend Autorenkino sein kann. DISPLAY hat sich durchs Programm gesehen – und diese zehn Filme bleiben hängen
1. I Rarely Wake Up Dreaming (Isabelle Stever)
Zärtlich und zugleich unerbittlich: Dieses deutsch-ukrainische Liebesdrama erzählt von Olya und Oleh, einem queeren Paar, das zusammenfand, als beide noch Frauen waren – bis Olehs Transition mit Russlands Grossinvasion kollidiert. Stever filmt oft aus respektvoller Distanz, durch Türrahmen und Fenster, als wäre die Kamera selbst zu schüchtern für so viel Intimität. Ein intensives Kriegsdrama über Körper, Liebe und nationale Identität, im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden.
2. Objet A (Ann Oren)
Klinisch, kinky und komplett durchgeknallt: Nach «Piaffe» kehrt Ann Oren mit einem noch gewagteren Körperkino zurück. Zwei Handchirurg:innen führen ein streng getaktetes Eheleben – bis die geheimnisvolle Gaia auftaucht und alles ins Wanken bringt. Fetische, Pilzsporen, Klimaangst, gedreht auf sinnlichem 16-mm-Material: ein radikal körperliches Nachdenken über Berührung und Kontrolle, das man so schnell nicht vergisst.
3. Piluk (Elisapie Isaac, Marc Séguin)
Federleicht und trotzdem tief verwurzelt: Dieser zehnminütige, handgezeichnete Animationskurzfilm der National Film Board of Canada erzählt von einer jungen Frau, geboren aus einer einzigen Feder, die ihren Weg zwischen Tundra und Stadt sucht. Elisapie Isaacs Originalmusik trägt die Bilder aus Grafit und Pastell durch ein zutiefst poetisches Werk über Herkunft und Weitergabe.
4. A Margem do Rio – The Riverbank (Matheus Farias, Enock Carvalho)
Schwül, gefährlich und unverschämt selbstbewusst: Dieses queere Spielfilmdebüt aus Brasilien lässt den schwulen Kirchenreiniger Izaquiel beim nächtlichen Cruisen auf den geheimnisvollen Fischer Jeremias treffen – während sich im Hintergrund Religion, Begierde und ein waschechter Kriminalplot verweben. Sexpositiv, atmosphärisch, politisch: einer der mutigsten Filme im Concorso Internazionale.
5. The House on the Moon (Nelson Yeo)
Verspielt und visuell überbordend: Nelson Yeo, 2023 Leoparden-Gewinner mit «Dreaming & Dying», legt einen Wuxia-Science-Fiction-Film über die Mondgöttin Chang’e vor – Singapurs erster Film seiner Art. Ein genreverliebter Mythos-Trip zwischen Martial Arts und Weltraum-Melodram, der zeigt, wie viel Spass ernsthaftes Autorenkino haben kann.
6. Nowhere To Lay My Eyes (Hong Sangsoo)
Beiläufig und trotzdem messerscharf: In seinem bereits 35. Spielfilm schickt Hong Sangsoo Sanghee (Kim Min-hee) nach zehn Jahren zurück zu ihrer Mutter auf Jeju-Island. Minimalistisch, dialoglastig, voller kleiner Lügen und Komplimente – ein weiterer Beweis für Hongs unwiderstehliches Understatement-Kino.
7. The Invite (Olivia Wilde)
Laut, glamourös und ziemlich lustig: Olivia Wildes Komödie mit Seth Rogen, Penélope Cruz und Edward Norton feierte auf der Piazza Grande vor 8000 Menschen ihre Europapremiere. Wilde kämpfte bewusst für die Kinoauswertung statt für einen Streaming-Deal – ein Statement für das grosse Publikumskino, das man ihr gerne abnimmt.
8. Destroy All Girls (Erin Vassilopoulos)
Roh, körnig und rastlos: Alex flieht ihrem beengenden Zuhause in New Jersey und schliesst sich einer chaotischen Gruppe von Inline-Skatern in New York an. Grobkörnig, fragmentarisch, fast anthropologisch gefilmt – ein unpoliertes Porträt jugendlicher Selbstsuche, dem man die Freiheit förmlich anriechen kann.
9. Revolutionaries Never Die (Mohanad Yaqubi)
Eine späte Antwort auf eine unbeantwortete Einladung: Mohanad Yaqubi verwandelt einen 2018 unbeantwortet gebliebenen Kontaktversuch der Regisseurin Jocelyne Saab in einen fiktiven Dialog. Aus 115 Archivrollen montiert er eine bewegende Reflexion über Revolution und Erinnerung im Nahen Osten – gezeigt im Nebenwettbewerb Cineasti del Presente.
10. Quelque Part Dans un Pays Libre (Antonin Peretjatko)
Ungewohnt still für einen Regisseur, der sonst für Komödien bekannt ist: Antonin Peretjatko drehte diesen Kurzfilm im Dezember 2025 in Kiew – während einer seltenen zehntägigen Phase ohne Raketen- oder Drohnenangriffe. Ein leiser, eindringlicher Blick auf einen Moment der Stille mitten im Krieg.
Auch diese Filme blieben uns im Kopf: Ketticè von Giovanni Tortorici mit Monica Bellucci, das Stop-Motion-Märchen Donkey Princess, Denis Côtés kühles Sterbehilfe-Drama Nobody’s Violence sowie Brave New Love von Maria Bäck.
Das 79. Festival del film Locarno bewies einmal mehr, warum es zu den wichtigsten Festivals der Welt zählt: politisch, radikal und unterhaltsam zugleich. Wir freuen uns schon auf die nächste Ausgabe.
