Warschau, zu später Stunde, Kerzenlicht. Frédéric Chopin (1810–1849) sitzt am Schreibtisch. Es geht nicht um Musik – es geht um seine grosse Liebe. Um Tytus Woyciechowski. «Ich liebe dich wahnsinnig», schreibt Chopin. Und dann, fast flehend: «Ich liebe nur dich.» Die Sätze sind direkt, körperlich, unmissverständlich: «Ich küsse dich – direkt auf die Lippen.»
Was jahrzehntelang entweder bewusst falsch übersetzt oder als missverstandene Freundschaft abgetan wurde, deutet der Zürcher Kulturjournalist Moritz Weber neu – und rührt damit an ein Tabu im streng katholisch geprägten Polen: Der Nationalheld Chopin war schwul!
Liebesbriefe an Männer
Mit seinem neuen Buch «Chopins Männer» legt Weber eine Recherche vor, die des Komponisten bislang unbekannte Seite zeigt. Weber, selbst Pianist und langjähriger Musikredaktor bei Radio SRF 2 Kultur, hat sich durch bislang unbeachtete Quellen gewühlt – 1200 Seiten Briefe, Notizbücher, Archivmaterial. «Die Fakten sind klar: Chopin hat ausschliesslich an Männer Liebeserklärungen verschickt, teils sehr leidenschaftliche und erotische – und niemals an eine Frau.»
Schon 2020 hatte Moritz Weber mit ersten Erkenntnissen für Aufsehen gesorgt. Während der Pandemie nahm er sich Chopins gesamte französische Korrespondenz vor – und stiess rasch auf Ungereimtheiten. «Dabei war bereits nach gut 50 Seiten klar, dass er Männer begehrte.» Doch damit nicht genug: Weber entdeckte systematische Eingriffe in den überlieferten Texten. Aus «er» wurde «sie», eindeutige Formulierungen wurden abgeschwächt, Kommentare führten bewusst in die Irre.
Internationales Aufsehen
Der Ehrgeiz des Journalisten war geweckt. Auf SRF veröffentlichte er Berichte über Chopins Homosexualität, internationale Medien griffen das Thema auf. Weber recherchierte weiter, lernte Polnisch, stieg in weitere Archive – und fand immer mehr über Chopins Liebesleben heraus.
Im Zentrum steht Tytus Woyciechowski, den Chopin selbst mehrfach als «Liebhaber» bezeichnete – «kochanek». Die erhaltenen Briefe zeichnen das Bild einer intensiven, leidenschaftlichen Beziehung. «Gib mir einen Kuss, liebster Geliebter», schreibt Chopin, «Bis zum Tode dein». Es sind Worte, die kaum Interpretationsspielraum lassen.
Doch Tytus war nicht der einzige Mann in Chopins Leben. Bereits zuvor schwärmte er für Jan Białobłocki, später lebte er in Paris eng mit Männern wie Jan Matuszyński und Julian Fontana zusammen – letzteren nannte er zärtlich «mein Juliannchen». Auch diese Beziehungen sind durch Briefe belegt, ebenso wie die Gefühle seiner Partner, die Frédéric Chopin ihrerseits leidenschaftlich beschrieben.
Spiel um versteckte Gefühle
Warum hielt sich das Bild des angeblich heterosexuellen Genies so hartnäckig? «Über Homosexualität offen zu sprechen war lange kaum oder nicht möglich», sagt Weber. Im homophoben 19. Jahrhundert hätte ein offenes Bekenntnis existenzielle Konsequenzen gehabt. Der Komponist führte daher ein Doppelleben. «Chopin hat mit seinem Unterhaltungstalent und seinem Humor von sich abgelenkt. Und er hat sich verstellt und etwa zum Schein so getan, dass er wegen einer Frau unglücklich sei. Chopin nannte diese Taktik explizit ‘Deckmantel der versteckten Gefühle’.»
Doch ist es im 21. Jahrhundert überhaupt relevant, ob ein Künstler schwul war oder nicht? Moritz Weber, der mit einem Niederländer liiert ist, findet: Ja! So wie man Mozarts und Bachs Privatleben erschliesst, um mehr über deren Musik herauszufinden, sei das auch bei Chopin angebracht. «Man will wissen, was für ein Mensch diese geniale, so zärtliche, gefühl- und stimmungsvolle, leidenschaftliche, manchmal auch rauschhafte oder erschreckende Musik hervorbrachte», sagt Weber. Er ist überzeugt: Chopins Begehren hatte sogar Einfluss auf dessen Werk. Für Tytus komponierte Chopin Werke, widmete ihm Variationen – und bekannte: «Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde.» Die berühmten Klänge erscheinen damit in einem neuen Licht: nicht nur als abstrakte Romantik, sondern als sehr konkrete Liebeserklärung.
Dass Weber mit seinen Erkenntnissen aneckt, überrascht nicht. Bereits seine frühen Veröffentlichungen stiessen insbesondere in Polen auf Kritik, teils auf heftigen Widerstand. Doch der Forscher liess sich nicht beirren und wich auf internationale Bestände aus – mit Erfolg. «Die Diskussion um die Homosexualität von Franz Schubert geriet noch Ende der 1980er-Jahre zu einem wüsten Streit unter Musikwissenschaftlern, und somit erstaunt es nicht, dass man es auch bei Chopin vermied, dessen Homophilie klar zu benennen und anzuerkennen.» Doch Weber blieb hartnäckig dran: «Ein paar Türen blieben mir verschlossen. Aber meine weiteren Recherchen habe ich ja in Archiven wie dem Literaturarchiv Marbach oder in der Polnischen Bibliothek in Paris gemacht. Dies ging alles reibungslos.» Seine Arbeit versteht er nicht als Provokation, sondern als Korrektur: weg von Mythen, hin zu den Quellen.
«Ich gehe mich waschen, küsse mich jetzt nicht, denn ich habe mich noch nicht gewaschen — Du? Auch wenn ich mich mit byzantinischen Ölen einreiben würde, würdest du mich nicht küssen, wenn ich dich nicht auf magnetische Art dazu zwingen würde. Es gibt irgendeine Kraft in der Natur. Heute wirst du träumen, dass du mich küsst.»
Aus einem Brief Chopins vom 4. September 1830 an seinen engen Freund Tytus Woyciechowski.
Romantischer Meister der Romantik
«Mit den Archivrecherchen für mein Buch habe ich Primärquellen erschlossen, die bislang kaum oder gar nicht beachtet worden waren», sagt Weber im Gespräch mit DISPLAY. «Die Quellen unterstreichen, wie wichtig Chopin auch für seine Männer war und bestätigen die Queerness seines Lebensumfelds.»
Damit hat Moritz Weber eine neue Debatte über den Meister der Romantik Frédéric Chopin eröffnet – und sie trifft einen Nerv. Denn die Frage, wer Chopin wirklich war, ist mehr als ein biografisches Detail. Sie verändert den Blick auf seine Musik, auf seine Zeit – und auf die Geschichten, die wir uns über Genies erzählen.
▶ Chopins Männer von Moritz Weber erscheint im Schwabe-Verlag.
Infos: schwabe.ch
Ernen: Ein Sommer im Zeichen der Kultur
Im Rahmen des Musikdorfs Ernen liest Moritz Weber aus seinem neuen Buch «Chopins Männer». Sein Buch stellt Weber am 25. und 26. Juli im Rahmen von «Queerlesen» beim Musikdorf Ernen vor.
Das Festival Musikdorf Ernen steht für Konzerte auf höchstem Niveau in idyllischer Bergwelt. Es gehört zu den renommiertesten Schweizer Festivals für Klassische Musik.
Die 53. Konzertsaison 2026 hat das Thema «Im Flow» und präsentiert unter vielen anderen Sir András Schiff, Maki Namekawa (Keith Jarretts «Köln Concert»), Schaghajegh Nosrati, das Trio Gaspard, Levy Sekgapane, Beth Taylor, Nahuel Di Pierro und Charl du Plessis.
▶ Infos: musikdorf.ch
Text: Raphael Rauch
