Mit ANOP entwickelt Andri Oppliger Kleidung, die nicht in Männer- und Frauenabteilungen denkt. Seine Kollektionen entstehen nicht allein im Atelier, sondern in Workshops mit Menschen, die über Körper, Komfort, Sichtbarkeit und Nachtleben sprechen. Oppliger hat Modedesign in Genf studiert und verbindet seine Arbeit heute mit Architektur: Kleidung wird bei ihm zu einem Raum, den Menschen selbst mitgestalten.
Im Interview spricht er über genderneutrale Schnitte, sichtbare Haut, queere Clubkultur und die Frage, wie idealistisch Mode sein darf, wenn sie am Ende auch bezahlbar bleiben soll.
Interview: Maurice Müller
Andri, wenn du ANOP jemandem erklären müsstest, der gerade deine neue Kollektion anprobiert: Was würdest du sagen?
ANOP ist eine Pop-up-Marke, die versucht, verschiedene Probleme der Modebranche anders anzugehen. Der Inhalt jeder Kollektion entsteht in Workshops. Damit möchte ich die klassische Hierarchie einer Modemarke aufbrechen: Nicht ein Designteam entscheidet allein, sondern viele unterschiedliche Menschen mit ihren Bedürfnissen und Perspektiven sind am Prozess beteiligt.
Gleichzeitig werden alle Kleidungsstücke nachhaltig und ethisch produziert. Es gibt keine Unterteilung in Männer- und Frauenkleidung. Stattdessen entwickle ich Schnitte für verschiedene Körperformen. Auch der Verkaufspreis richtet sich nach dem Einkommen der Käufer:innen: die Kollektion soll für Menschen mit unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten zugänglich sein, ohne Abstriche bei Qualität oder fairer Produktion zu machen.
Warum war es dir wichtig, andere Menschen so stark in den Designprozess einzubeziehen?
Das hat sicher mit meinem Werdegang zu tun. Ich habe 2019 meinen Bachelor in Modedesign an der HEAD Genève abgeschlossen. Später kam Architektur an der ETH Zürich dazu, wo ich bald meinen Master abschliesse.
Diese beiden Welten – Körper und Raum – haben viele Berührungspunkte. Im Modedesignstudium stand oft die eigene Handschrift im Zentrum: die Designer als Autor. In der Architektur ist Zusammenarbeit viel selbstverständlicher. Bei grösseren Projekten werden zum Beispiel Anwohner:innen in Workshops einbezogen, weil sie die Orte später nutzen werden.
In der Mode sehe ich diese Bottom-up-Herangehensweise viel seltener. Dabei ergibt sie gerade hier Sinn. Es gibt bereits unzählige Marken und Kleidungsstücke. Da stellt sich doch die Frage: Was brauchen wir überhaupt noch? Statt zu hoffen, dass Menschen ein Design mögen, finde ich es spannender, sie direkt zu fragen, was sie sich wünschen – und daraus gemeinsam Kleidung zu entwickeln.
Wie läuft so ein partizipativer Designprozess konkret ab?
Die Teilnehmer:innen bringen zum ersten Workshop ein Lieblingskleidungsstück mit. Das ist der Ausgangspunkt. So bleiben sie näher bei ihren eigenen Bedürfnissen und verlieren sich weniger in spektakulären Ideen. Ihre Beobachtungen schreiben sie auf Arbeitsblätter, damit ich auch später noch mit dem Material arbeiten kann.
Zuerst entwickeln sie einzeln erste Ideen, später in Gruppen. Diese Skizzen und Beschreibungen bilden die Grundlage für die Kollektion. Ich übersetze sie anschliessend in dreidimensionale Prototypen und entwickle daraus funktionierende Kleidungsstücke.
Im nächsten Workshop werden die Prototypen anprobiert. Die Teilnehmenden beantworten viele Fragen schriftlich, damit nicht einzelne Stimmen dominieren. Danach diskutieren wir gemeinsam. Dieser Prozess kann sich über mehrere Runden wiederholen – mit denselben oder neuen Personen –, bis die Entwürfe so weit sind, dass ich die finale Kollektion festlegen kann.
Du arbeitest an der Schnittstelle von Mode und Architektur. Sind das für dich zwei getrennte Welten?
Natürlich gibt es grosse Unterschiede. Allein schon beim Tempo. Fast-Fashion-Marken veröffentlichen teilweise alle zwei Wochen neue Kollektionen, während Bauprojekte oft mehrere Jahre dauern.
Überraschend ist aber, dass in beiden Disziplinen viel weniger gestaltet wird, als man vielleicht denkt. Ein grosser Teil der Arbeit besteht aus Kommunikation, Organisation, Koordination und Umsetzung.
Im Modestudium wurde mir bewusst, wie stark die Modeindustrie Klima, Umwelt und Tierwelt belastet. Im Architekturstudium habe ich dann gemerkt, dass die Baubranche noch einmal in ganz anderen Dimensionen denkt. In beiden Bereichen gibt es riesige Herausforderungen. Ich finde es spannend, von beiden Welten zu lernen und daraus etwas Neues entstehen zu lassen.
Was hast du aus den bisherigen Workshops gelernt?
Ich bin immer noch dabei herauszufinden, wie solche Workshops am besten funktionieren. Zu viele Teilnehmende sind zum Beispiel nicht ideal. Dann wird sehr viel untereinander diskutiert, ich bekomme nicht alles mit, und gewisse Wahrnehmungen beeinflussen sich gegenseitig. Auch ein Workshop am Wochenende mit Alkohol hat sich nicht bewährt – dann sind viele eher im Feiermodus.
Spannend war, wie oft adaptive Kleidung ein Thema wurde. Viele wünschten sich Stücke, deren Grösse sich verändern lässt, bei denen Teile abnehmbar sind oder die verschiedene Verschlüsse und versteckte Taschen haben. Einen Teil davon habe ich in der aktuellen Kollektion umgesetzt. Gleichzeitig wird schnell klar: Je komplexer ein Kleidungsstück wird, desto aufwendiger und teurer wird die Produktion.
Für viele Teilnehmende waren die Workshops auch eine Sensibilisierung. Was heisst es überhaupt, ein Kleidungsstück zu designen? Warum fühlt sich eine Ärmellänge richtig an? Warum ist enger Stoff für manche angenehm und für andere nicht? Ich fand schön zu sehen, wie sich der Blick einzelner Teilnehmender verändert hat. Eine Person war bei jedem Workshop dabei – und mit jedem Mal wurde ihre Meinung genauer, sicherer und besser begründet. Plötzlich schaut jemand sehr bewusst auf Kleidung und kann die eigenen Bedürfnisse viel klarer formulieren.
ANOP entwirft geschlechtsneutrale Kleidung. Was bedeutet «genderneutral» für dich – jenseits von Oversize und neutralen Farben?
Einer meiner Studentenjobs war in einem Kleidergeschäft. Dort fiel mir auf, dass manchen weiblich gelesenen Kund eine Hose aus der Männerabteilung besser stand – und umgekehrt. Oft ist ein Frauen-L fast gleich gross wie ein Männer-S. Da habe ich mich gefragt: Warum teilen wir Kleidung überhaupt so konsequent in Männer und Frauen ein?
Natürlich braucht es bei gewissen Kleidungsstücken spezifischere Schnitte, etwa bei Unterwäsche. Aber bei vielen anderen Stücken sehe ich keinen Grund dafür.
Ich versuche deshalb, Schnitte zu entwickeln, die für möglichst viele Körperformen funktionieren. Bei den Hosen gibt es zum Beispiel gerade und kurviger geschnittene Varianten. Bei den Oberteilen ermöglicht elastisches Material, dass sie an Körpern mit und ohne Brüste funktionieren.
Deine Kleidung ist für Raves, Partys und Nachtleben gedacht. Warum interessiert dich gerade dieser Raum?
Das Endresultat ist gar nicht so extrem aufs Nachtleben ausgerichtet. Aber ich habe den Eindruck, dass sich viele Menschen in der Schweiz im Alltag eher klassisch kleiden – Jeans und T-Shirt. Das Nachtleben ist einer der wenigen Räume, in denen viele bereit sind, mit Kleidung zu experimentieren.
Dieser Gedanke prägt auch die Workshops. Die Teilnehmenden sollen sich für einen Moment von Alltagsnormen lösen und freier denken. Auch wenn die fertigen Designs am Ende oft überraschend zurückhaltend sind, eröffnet der Kontext «Ausgehen» mehr Möglichkeiten.
Ein weiterer Grund ist, dass ANOP sich als Slow Fashion versteht. Die Marke folgt keinem klassischen Saisonrhythmus. Kleidung fürs Tanzen funktioniert das ganze Jahr über und ist weniger an Jahreszeiten gebunden.
In deinen Entwürfen geht es viel um Transparenz, Haut und Cut-outs. Wie findet man die Balance zwischen Zeigen und Sich-Schützen?
Das war das grosse Thema dieser Kollektion. Schon im ersten Workshop wurde intensiv darüber diskutiert, weil die Meinungen stark auseinander gingen. Allein die Frage, wann sichtbare Nippel gesellschaftlich akzeptiert werden und wann nicht, hängt stark davon ab, wie ein Körper gelesen wird.
Für mich steht im Mittelpunkt, dass man sich in einem Kleidungsstück wohlfühlt. Es bringt nichts, wenn ANOP möglichst ethisch und ökologisch produziert, die Menschen sich aber nicht trauen, die Kleidung zu tragen.
Ich trage selbst oft Prototypen aus dem Designprozess zum Tanzen. Dabei habe ich gemerkt, dass Schichten für mich am besten funktionieren. Mit jeder Lage, die man auszieht, wird mehr Haut sichtbar. So kann ich je nach Situation oder Gefühl selbst entscheiden, wie viel ich zeigen möchte. Gleichzeitig ist das sehr individuell und hängt stark vom eigenen Körpergefühl ab.
Spielt queere Kultur bei ANOP eine Rolle?
Ja, sicher. Viele Menschen, die an ANOP beteiligt sind, gehören zur queeren Community. Gleichzeitig finde ich die Frage nicht ganz einfach zu beantworten. Auch unter heterosexuellen, männlich oder weiblich gelesenen Teilnehmer:innen habe ich eine grosse Offenheit und ein sehr selbstverständliches, genderfluideres Modeverständnis erlebt.
Trotzdem denke ich, dass die Club- und Ausgangsszene stark von queerer Kultur geprägt wurde und wird – durch neue Styles, durch das Ausprobieren und durch einen freieren Umgang mit Identität und Kleidung. Vieles davon findet mit der Zeit auch seinen Weg in die breitere Gesellschaft.
Deine Kollektion wurde von der Berner Design Stiftung unterstützt, du konntest im Kornhausforum ausstellen und warst mit FUSE im Löwenbräukunst. Wie geht es weiter?
Im kommenden Winter werde ich hoffentlich meinen Master in Architektur an der ETH abschliessen. Danach ist vieles offen.
Ich bin gespannt, wie die aktuelle Kollektion aufgenommen wird und welche Rückmeldungen daraus entstehen. Davon hängt sicher auch ab, wie ANOP weitergeht: ob ein weiteres Projekt finanziert werden kann oder ob die Marke stärker kommerzialisiert werden sollte, also in grösseren Stückzahlen produziert, um die Preise langfristig zu senken.
Die erste Kollektion war für mich vor allem ein Ausprobieren. Mit der zweiten habe ich wieder sehr viel gelernt – auch darüber, wo ich ANOP im Markt sehe. Gleichzeitig kommt irgendwann der Punkt, an dem sich das Projekt finanziell tragen muss. Für mich besteht die Herausforderung darin, meine idealistischen Vorstellungen davon, wie Mode funktionieren könnte, mit der Realität in Einklang zu bringen.
Zur Person
Andri Oppliger stammt aus Bützberg im Kanton Bern. Er studierte Modedesign an der HEAD Genève und schliesst derzeit seinen Master in Architektur an der ETH Zürich ab. Mit ANOP entwickelt er ein Pop-up-Label für verantwortungsbewusste, partizipative Mode. Die Kollektionen entstehen in Workshops und umfassen genderneutrale Kleidungsstücke in verschiedenen Schnitten. Die aktuelle Kollektion wurde von der Berner Design Stiftung unterstützt; Oppliger stellte im Kornhausforum aus und war mit FUSE im Löwenbräukunst vertreten.
