Carl Wilson gewinnt New Yorks queeren Wahlkreis
Der offen schwule Demokrat gewinnt die Nachwahl im queeren Wahlkreis District 3 – und beerbt damit seinen früheren Chef Erik Bottcher. Für Bürgermeister Zoran Mamdani, der eine andere Kandidatin unterstützt hatte, ist es die erste empfindliche Niederlage seiner Amtszeit.
Die Wahlparty fand im Vers statt, einem queeren Bar in Hell’s Kitchen. Dass Carl Wilson genau dort seinen Sieg feierte, war kein Zufall. Das Lokal liegt in jenem Streifen Manhattans, der seit Jahrzehnten politisch und kulturell queeres Territorium ist. West Village, Chelsea, Hell’s Kitchen – District 3 ist nicht einfach ein Wahlkreis mit queerer Geschichte. Er wurde Anfang der Neunzigerjahre bewusst so zugeschnitten, dass die Community im City Council eine Stimme erhielt. Seit Tom Duane 1991 erstmals gewählt wurde, hat der Sitz nie aufgehört, offen queer besetzt zu sein. Wilson übernimmt ihn als fünfter offen schwuler Stadtrat in Folge.
Die Ergebnisse vom 28. April sind noch vorläufig. Da kein Kandidat im Ranked-Choice-Verfahren mehr als 50 Prozent der Erststimmen auf sich vereinen konnte, wird das Board of Elections die Ränge frühestens am 5. Mai formal auszählen. Faktisch entschieden ist die Sache trotzdem: Wilson kam auf rund 43 Prozent, seine nächste Konkurrentin Lindsey Boylan auf 26 Prozent. Boylan selbst gratulierte keine zwei Stunden nach Schliessung der Wahllokale.
Der Bürgermeister verliert das erste Duell
Was die Wahl über eine lokale Nachfolgelösung hinaushebt, ist ihre Vorgeschichte. Bürgermeister Zoran Mamdani, der progressive Newcomer im Rathaus, hatte sich öffentlich hinter Boylan gestellt – einen Tag bevor das Early Voting begann. Es war das erste ernsthafte Kräftemessen seiner Amtszeit, und er hat es verloren. Deutlich.
Wilson wurde demgegenüber von Stadtratspräsidentin Julie Menin und zahlreichen Gewerkschaften getragen, ausserdem von den beiden grössten LGBTQ-Politikclubs der Stadt, dem Stonewall Democratic Club und dem Jim Owles Liberal Democratic Club. Hinzu kam Unterstützung von Seiten ehemaliger Stadtratssprecher wie Corey Johnson und Christine Quinn, ein fast schon dynastisches Signal der Kontinuität: Auch Quinn hatte ihrerzeit als Chefin von Stab für denselben Distrikt gearbeitet, bevor sie das Mandat übernahm. Bottcher wiederum dankte Wilson auf X und ordnete den Sieg sofort wohnungspolitisch ein.
Die hohe Summe von Super-PAC-Geldern, die zugunsten Wilsons floss – laut Medienberichten knapp eine halbe Million Dollar, grösstenteils aus dem Umfeld der Cuomo-Fraktion der Demokraten – macht das Bild nicht einfacher. Wilsons Sieg ist zugleich ein Sieg des gemässigten Parteiflügels und ein Sieg der queeren Kontinuität. Ob das zusammengehört oder zufällig zusammenfällt, liess sich kaum auseinanderhalten.
Muss District 3 schwul bleiben?
Der Wahlkampf hat die alte Debatte neu aufgerollt: Muss ein queerer Wahlkreis zwingend von einer queeren Person vertreten werden? Tom Duane selbst, der den Sitz einst erkämpft hatte, sprach sich zuletzt dagegen aus. Er hatte die Gegenkandidatin Layla Law-Gisiko unterstützt und argumentierte, queere Repräsentation sei längst nicht mehr auf einen einzigen Sitz angewiesen, nachdem in jedem Stadtbezirk New Yorks offen queere Politikerinnen und Politiker sitzen.
Wilson sah das erwartungsgemäss anders. Er präsentierte sich nicht bloss als LGBTQ-Kandidat, sondern als derjenige mit der längsten Ortskenntnis und dem belastbarsten Track Record. Für Wählerinnen und Wähler im Distrikt waren laut Berichten vor Ort Wohnungsfragen, nicht Identitätspolitik, das bestimmende Thema. Wilson hatte sich konsequent gegen NIMBY-Positionen gestellt.

Maurice Müller
Online Redakteur
DISPLAY Magazin
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