Philipp Otto Runge (1777–1810) führte die Ideen der deutschen Romantik, die vorher nur in der Literatur ihren Ausdruck gefunden hatten, in die Malerei ein, war also der Begründer der Malerei der deutschen Romantik. Ausserdem war er ein genialer Märchenerfinder. Die Brüder Grimm nahmen seine Märchen «Vom Fischer un syner Fru» sowie «Vom Machandelboom» in ihre Sammlung auf.
Weit weniger bekannt ist, dass Runge, obwohl selber ganz oder weitgehend Frauen zugeneigt, mit seinem Märchen vom Machandelbaum sowie einem seiner 28 erhaltenen Gemälde auch eine bahnbrechend zukunftsweisende Bedeutung für die Geschichte der männlichen Homosexualität einnimmt.
Um dies zu erkennen, muss man die entsprechende Symbolik der Romantik verstehen. Über Sexualität – und Homosexualität erst recht – hätte man damals nicht offen schreiben oder malen können.
Leider haben die Forscher bisher die Symbolik, die sich auf die passive Rolle des Mannes beim Sex bezieht, nicht erkennen wollen, und so ist ihnen auch Runges Bedeutung für die Geschichte der männlichen Homosexualität entgangen.
Mit 24 verliebte sich Runge in ein acht Jahre jüngeres Mädchen, dessen Vater aber erst drei Jahre später seine Zustimmung zur Ehe gab. Bis dahin verbrachte der junge Maler viel Zeit mit seinen Freunden, namentlich mit Ludwig Tieck, einem bekannten Schriftsteller der Romantik.
Gleichgeschlechtliche Freundschaftsgefühle konnten in der Romantik mit denselben rührseligen Liebesbekundungen ausgedrückt werden wie die Liebe zum anderen Geschlecht. Das war unverdächtig, weil die Vorstellung vom Menschen, der einen anderen Menschen desselben Geschlechts liebt und sexuell begehrt, noch nicht geboren war. Den Begriff des «Homosexuellen» gibt es erst seit 1869.
Dass die Gefühle in einer gleichgeschlechtlichen Freundschaft in der Romantik auf die gleiche Ebene gestellt werden konnten wie jene in einer gegengeschlechtlichen Liebe, zeigen zwei Gemälde des (heterosexuellen) berühmtesten Malers der deutschen Romantik, Caspar David Friedrich: «Zwei Männer in Betrachtung des Mondes» (1819/20, siehe Seite 74) und das fast identische «Mann und Frau in Betrachtung des Mondes» (1824).
Der Mond ist bei Friedrich ein Symbol für Christus und des die beiden innerlich verbindenden Glaubens, er ist aber auch ein Symbol der romantischen Liebe zwischen den beiden Schauenden.
Wie weit Runge und Tieck in ihrer Freundschaft genau gingen, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass sie nicht den besten Ruf genossen. Jedenfalls scheint mir, dass die beiden oben erwähnten, für die Geschichte der männlichen Homosexualität zukunftsweisenden Werke nur von jemandem stammen können, der mit dem Thema vertraut war.
Das Gemälde, das ich meine, ist das Aquarell «Arions Meerfahrt» (1809). Im Mittelpunkt steht eine Episode aus der griechischen Mythologie: Der Sänger und Musiker Arion wird, auf einem Delphin reitend, von diesem ans Land getragen.
Diesem Vergnügen ging etwas weit weniger Vergnügliches voran: Arion wurde in seinem Boot von Seeräubern überfallen. Sie gewährten ihm seine letzte Bitte, noch einmal singen und musizieren zu dürfen. Danach musste er ins Meer springen. Doch die Musik hatte einen Delphin angelockt, der den in den Tod Geschickten ans rettende Ufer brachte.
Nackte Jünglinge
Runge hat diese Vorgeschichte nicht übernommen, sondern durch die beiden Inseln im Vordergrund ersetzt, auf denen je drei nackte Jünglinge sitzen. Drei der Jünglinge halten ein Musikinstrument in den Händen. Da die beiden Inselszenen die Stelle des Seeräuberüberfalls einnehmen, verstehe ich sie als Vorgeschichte zur Meerfahrt des Arion. Die Jünglinge dürften Wiederholungen Arions sein, die zeigen, wie er sich vor dem Ritt auf dem Delphin fühlte. Jene Meerfahrt erhält damit eine andere Bedeutung: Aus der Rettung wird ein freiwilliger Ritt.
Wenn Runge die Erzählung dermassen stark ändert, will er damit etwas Neues aussagen. Was das ist, können wir nur verstehen, wenn wir die Symbolik des Bildes verstehen. Dass Runges Gemälde eine ausgeklügelte persönliche Symbolik enthalten, ist in der Forschung unbestritten.
Worin besteht also die symbolische Bedeutung des Gemäldes? Die Fahrt über ein Wasser steht für den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenleben. Auf den Inseln im Vordergrund sehen wir also Arion, der gerade in die Jugendzeit gekommen ist. Auf der rechten Insel hält er Blasinstrumente in den Händen, ohne auf ihnen schon zu spielen. Aber er ist zum Spielen bereit und gewillt. Die Form der Instrumente erinnert an einen Phallus. Arion ist also ein Jugendlicher, der seine sexuellen Gefühle zu spüren beginnt, aber noch nicht ausleben kann.
Auf der linken Insel spielt er auf einer Geige. Das Spiel auf den Saiten versetzt die Menschen in höhere Schwingungen, wie man sie auch mit einem geliebten Gegenüber erlebt. Die Liebes- und Freundschaftsgefühle sind hier sexuell unterlegt; darauf weist die Art, wie Arion seine Geige hält, sodass sie die Fortsetzung eines erigierten Penis zu sein scheint.
Arion wünscht sich also ein Gegenüber in Liebe und Freundschaft, mit dem er seine Sehnsüchte erfüllen kann. Dass er dabei auf zwei Inseln sitzt, symbolisiert seine Isolation, solange ihm dieses Gegenüber noch fehlt.
Beide Inseln erhalten ihren Schatten von Riesenblumen, deren Blüten wie riesige Töpfe aussehen. Sie erinnern an die den Samen empfangenden weiblichen Geschlechtsorgane. Arion wünscht sich ein solches Gegenüber. Ob es eine Frau oder ein Mann sein soll, der die «passive» Rolle wahrnimmt, verrät die Symbolik nicht. Es ist offenbar nicht so wichtig, getreu der damals herrschenden Ansicht, wonach beim Geschlechtsverkehr entscheidend ist, ob man die aktive oder passive Rolle einnimmt und nicht, welches Geschlecht das Gegenüber hat.
In diesem Gemälde lässt sich der durch Arions Gesang und Musik, das heisst durch seine gefühlsmässige und erotische Ausstrahlung, herbeigelockte Delphin von Arion reiten. Die Symbolik des Reitens braucht nicht erklärt zu werden.
Delphine sind aufgrund ihres Aussehens ein Symbol für den Phallus und für Männlichkeit. Anderseits ist die Bezeichnung Delphin vom griechischen «delphys» – Gebärmutter – abgeleitet.
In der Beziehung zum Delphin-Mann geht es um mehr als Sex und Männlichkeit: Arion setzt sein Musikspiel fort, auf einer Zwergharfe, deren warme Töne auf seine Zärtlichkeit anspielen sollen. Dass er auch einen Geliebten suchte und im Delphin-Mann gefunden hat, lässt die Symbolik der Blumen vermuten. Es sind Anemonen. Gemäss griechischer Mythologie entstanden diese aus den Tränen der Liebesgöttin Aphrodite über den Tod ihres jungen Geliebten Adonis und stehen damit für eine nur kurze Zeit dauernde Liebe.
Arions Meerfahrt symbolisiert also die Tatsache, dass er während seiner Jugend in einer homosexuellen Liebe, in welcher er der «Aktive» ist, zum «richtigen» Mann wird.
Das im Hintergrund sichtbare jenseitige Ufer steht für das Erwachsenenalter Arions. Der Delphin wird ihn dorthin bringen, wird aber nicht mit ihm an Land gehen können. Die Partnerschaft mit dem Delphin-Mann wird also Arions Jugendalter nicht überdauern.
Im griechischen Mythos ist der Delphin sicher nicht symbolisch als Mann und die Rettung Arions nicht als versteckter Hinweis auf eine homosexuelle Freundschaft zu verstehen. Runge übernahm aus dem Mythos nur die Episode der Meerfahrt, um sie in seinem Sinne umzudeuten.
Die alten Griechen hätten eine homosexuelle Freundschaft nicht hinter Symbolik verstecken müssen. Bei ihnen war sie gesellschaftlich akzeptiert. Ihre Götter verliebten sich manchmal in junge Männer: Apollo in Hyacinth, Zeus in Ganymed etc
Zwei Dinge sind in Runges Gemälde bahnbrechend neu:
• Erstens beruht die Beziehung zwischen Arion und dem Delphin-Mann auf Freiwilligkeit und gegenseitiger Zuneigung. Der Delphin-Mann müsste Arion nicht von seiner Insel holen, und Arion müsste diese nicht verlassen. Wenn sich demgegenüber ein Gott in einen Sterblichen verliebt, kann dieser fast nicht anders, als mitzumachen.
• Zweitens ist Arions Meerfahrt eine Nachtszene, in der der Vollmond die Verliebten bescheint. Der Mond steht bei Friedrich und Runge für Christus. Der auf die Verliebten und ihr Sexleben fallende Schein des Vollmonds ist daher als Erfüllung von Arions Sehnsucht nach Liebe und als wohlwollende Zustimmung, ja Segnung dieser Liebe durch Christus zu sehen. Die Botschaft: Eine auch sexuell gelebte gleichgeschlechtliche Liebe entspricht genauso wie die Ehe zwischen Mann und Frau der wahren Liebesbotschaft Christi. Der kirchlichen Interpretation des Christentums entspricht dies natürlich nicht.
Der Sage gemäss wurde Ganymed, der schöne Königssohn, von Zeus auf den Olymp entführt. Hermann Hubachers 1952 fertiggestellte Plastik am Zürichsee zeigt allerdings nicht diese Entführung. Stattdessen schuf der Künstler ein Sinnbild für die Sehnsucht des Menschen, in den Olymp zu gelangen: Mit erhobener Hand bittet Ganymed den Göttervater Zeus (der als Adler erscheint), ihn dort aufzunehmen.
Eine Analyse von Ueli Leuthold
