Im Jahr 2018 heiratete ein polnisches Männerpaar in Deutschland. Sie wollten ihre Ehe auch in Polen anerkannt wissen. Die Behörden lehnten ab. Das Paar klagte, durchlief alle polnischen Instanzen, landete schliesslich beim Gerichtshof der Europäischen Union in Luxemburg, bekam dort Recht, und anschliessend auch beim Obersten Verwaltungsgericht Polens. Sieben Jahre nach der Hochzeit in Deutschland wurde ihre Ehe am Donnerstag in Warschau eingetragen. Die erste gleichgeschlechtliche Ehe, die Polen offiziell registriert hat.
Zwei Tage zuvor hatte Premier Donald Tusk vor einer Kabinettssitzung das getan, was polnische Regierungschefs bisher nicht getan hatten. Er entschuldigte sich. «Ich möchte mich bei all jenen entschuldigen, die sich über viele, viele Jahre lang abgelehnt und erniedrigt gefühlt haben», sagte er. «Der polnische Staat hat über viele Jahre die Prüfung nicht bestanden.» Er versprach, die Gerichtsurteile so rasch wie möglich umzusetzen und appellierte an polnische Beamte, unabhängig von ihrer persönlichen Haltung, die Würde jedes Einzelnen zu respektieren.
💬 Premier @donaldtusk ⤵️
— Kancelaria Premiera (@PremierRP) May 12, 2026
Proszę wszystkich na tej sali i w Sejmie, gdzie będą rozstrzygały się ustawowe rozwiązania - szanujmy godność każdego człowieka. Ludzie zasługują na szacunek i miłość. pic.twitter.com/c7JB9p9onr
Warschaus Bürgermeister Rafał Trzaskowski, Mitglied von Tusks Civic Coalition, hatte nicht auf die nationale Regierung gewartet. Er kündigte an, seine Stadt werde gleichgeschlechtliche Ehen, die in anderen EU-Staaten geschlossen wurden, sofort anerkennen – auch ohne spezifisches Gerichtsurteil. Er hielt Wort.
Die Grenzen des Fortschritts
Was Tusk ankündigte, ist bedeutsam. Was er gleichzeitig sagte, weniger. Die Anerkennung ausländischer Ehen sei «kein Weg zur Möglichkeit der Adoption», betonte er. Karolina Gierdal von Lambda Warszawa kommentierte das so: «Es ist traurig, dass die LGBTQ+-Community einmal mehr als Bedrohung dargestellt wird, als ob die Gesellschaft beruhigt werden müsste, dass Adoption nicht kommen wird.» Die Realität ist eine andere: In Polen wachsen bereits Kinder bei gleichgeschlechtlichen Paaren auf – ohne rechtlichen Schutz.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem. Gesetze, die das Parlament verabschiedet, müssen von Staatspräsident Karol Nawrocki unterzeichnet werden. Nawrocki ist strenggläubiger Katholik, gesellschaftspolitisch konservativ, und hat ähnliche Vorhaben in der Vergangenheit mit seinem Veto blockiert. Ein Partnerschaftsgesetz, das Tusk bereits seit seinem Amtsantritt versprochen hat, existiert bis heute nicht.
Ein Land im Wandel
Vor wenigen Jahren noch waren in Polen sogenannte «LGBT-freie Zonen» offiziell ausgerufen worden – Gemeinden, die sich per Resolution zu Gebieten erklärten, die frei von «LGBT-Ideologie» sein wollten. Unter Tusk wurden diese Zonen aufgehoben, der staatliche Rundfunk entschuldigte sich für Jahre antiqeuer Propaganda, und nun entschuldigt sich der Premierminister selbst.
Es ist ein anderes Polen als noch vor fünf Jahren. Ob es auch ein besseres ist, hängt davon ab, ob auf Worte Gesetze folgen. Die Campaign Against Homophobia begrüsste Tusks Aussagen, wartet aber auf die Unterzeichnung der entsprechenden Verordnung. Und das Paar, das 2018 in Deutschland geheiratet hat, hält seine Heiratsurkunde jetzt in Händen – eingetragen in Warschau, sieben Jahre später.
