Wie queer ist das Musical «Hair» in St. Gallen?
Die Ostschweiz gilt nicht gerade als Epizentrum der LGBTQ+-Szene. Dennoch bringen zwei Männer das Hippie-Kultstück «Hair» auf die grosse Bühne in St. Gallen. Die Inszenierung blickt hinter die bunten Kulissen und stellt eine unbequeme Frage: Wie viel bedeutet uns die Liebe noch, wenn draussen die Welt in Flammen steht?
Text Mark Baer Bilder Julia Schröter und Kian Ruh
Jan Henric Bogen, der Intendant von «Konzert und Theater St. Gallen», versteht Leitung nicht als Machtausübung. Wenn der 42-jährige Kölner über seine Aufgabe spricht, fällt kein Wort über strenge Hierarchien. «Meine Arbeit ist ein grosses Privileg», sagt er schlicht. Dass Jan die künstlerische und wirtschaftliche Leitung des grössten Kulturhauses der Region innehat, begreift er als Dienstleistung an der Kunst, am Publikum und an allen Mitarbeiter*innen. Privat ist der Wahl-St. Galler mit vollem Einsatz bei der Sache: Jan ist Single und fügt mit einem Schmunzeln an, dass er «happily married» mit seinem Beruf sei. Ein normales Privatleben mit festem Partner lässt sich zwischen Budgetplänen, Sitzungen und Lobbyarbeit oft nur schwer organisieren. «Et kütt, wie et kütt» (Es kommt, wie es kommt), sagt er dennoch hoffnungsvoll. Er versteht sich als Kunstermöglicher, der Freiräume schafft, damit Geschichten überhaupt erst entstehen können.
Wenn das Private die Regie befeuert
Diese Leidenschaft für die Sache teilt auch Krystian Lada, der als Regisseur für die St. Galler «Hair»-Inszenierung verantwortlich zeichnet. Er nähert sich dem Stoff jedoch stärker über die eigene Intuition. Beim gebürtigen Warschauer, der heute seinen Lebensmittelpunkt in Belgien hat, beeinflusst das Private das Professionelle unmittelbar. Für den weitgereisten Theatermacher bedingt das eine das andere. Wenn Krystian im richtigen Leben verliebt ist, nutzt er diese Energie direkt für seine Arbeit im Proberaum. «Verliebt zu sein macht mich verletzlich, aber zugleich emotional wacher», erklärt er. In der Liebe werde seine Wahrnehmung feiner und durchlässiger. Er erlebe die Welt dann tiefer und unmittelbarer.
Über seine aktuelle Arbeit in St. Gallen sagt er: «Ich will keine museale Hippie-Show abliefern, die lediglich nostalgische Gefühle bedient.» Ihm gehe es um eine radikale Auseinandersetzung mit der Verantwortung, die wir füreinander tragen – im Privaten wie auf der Strasse. Krystian ist überzeugt, dass die Qualität seiner Kunst davon abhängt, wie nah er sich selbst als Mensch bleibt.
Ein Manifest gegen die Gewalt
Das Stück feierte Ende Februar Premiere in St. Gallen und traf dort einen Nerv: Bereits kurz nach der Premiere mussten Zusatzvorstellungen angesetzt werden. Sobald die ersten Takte von «Aquarius» erklingen, schwelgt das Publikum in Erinnerungen. Doch Jan und Krystian wollen mehr als nur Blumen im Haar und bunte Kostüme. Sie begreifen das Theater als politischen Raum, der die aktuellen Schrecken der Gegenwart nicht ausblendet.
Das Saisonmotto «Macht Liebe» zieht sich durch alle Sparten des Ostschweizer Kulturhauses. Ohne Punkt oder Komma gesetzt, spielt es mit zwei Bedeutungen: Ist es die Aufforderung, einander zu lieben? Oder die Untersuchung von Machtverhältnissen? Jan gefällt besonders die Brücke zum weltberühmten «Make love, not war». Der Slogan fängt diesen Geist ein und macht das Theater zum Ort für eine friedliche, aber radikale Auseinandersetzung.
Der Aufruf «Make love, not war» ist heute so erschreckend aktuell wie 1968. Während damals der Vietnamkrieg eine Generation traumatisierte, sind es heute Konflikte in Europa und weltweit, die das Lebensgefühl prägen. Jan und Krystian machen deutlich, dass «Hair» kein harmloser Hippie-Spass ist, sondern ein wütender Protest gegen eine Welt, die junge Menschen in Schützengräben schickt.
Für Jan ist es ein zentrales Anliegen, sein Haus am Puls der Zeit zu halten. St. Gallen ist für ihn der ideale Ort, an dem ein Vierspartenbetrieb – von Tanz und Schauspiel über Musiktheater bis Konzert – mutig vorangehen muss.
Keine Angst vor der eigenen Courage
Das Stammpublikum in der Ostschweiz ist weit weniger konservativ, als manche Skeptiker*innen glauben mögen. Die Wiedereröffnung des renovierten Hauses 2023 mit der Oper «Lili Elbe», inszeniert von Krystian Lada, war ein deutliches Statement: Eine Geschichte über eine trans Person markierte den Auftakt von Jan Henric Bogens Intendanz. Die Reaktion war überwältigend und emotional packend. Es zeigte sich, dass universelle Geschichten über Identität und die grosse Liebe Menschen berühren – ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität.
Diese Produktion hat bewiesen, dass Themen, die historisch lange marginalisiert oder tabuisiert wurden, ein grosses Publikum erreichen können, wenn sie mutig erzählt werden. Jan weiss, dass solche Stücke uns alle angehen – ob man sich nun der queeren Community zugehörig fühlt oder nicht.
Mit «Hair» findet dieser mutige Weg nun seine Fortsetzung. Gemeinsam mit den übrigen Spartenleiter*innen betonen Jan und Krystian, dass sie ein Haus für alle sein möchten. Es geht ihnen nicht darum, einen Preis für die «queerste» Inszenierung zu gewinnen oder in einer Nische zu verharren. Sie wollen Geschichten erzählen, die alle etwas angehen.
Jans Ziel ist klar: Die grosse Bühne soll ein Ort für alle sein – die queere Community selbstverständlich eingeschlossen. Es geht um Sichtbarkeit ohne erhobenen Zeigefinger. Bogens Kurs zahlt sich aus: Seit seinem Amtsantritt 2023 stiegen die Besucherzahlen um beachtliche 27 Prozent. Das zeigt, dass das Publikum in St. Gallen bereit ist für Stoffe, die Reibung erzeugen und zum Nachdenken anregen.
Fokus statt Smartphone-Flimmern
Was wünschen sich die beiden Theatermacher von der Community? Jan ist direkt: «Lasst euch ein.» In einer Welt voller Ablenkungen und ständig vibrierender Smartphones bietet das Theater ein rares Gut: ein paar Stunden echten Fokus – und die Möglichkeit zur Reflexion. Denkstoff, der über den Abend hinaus nachwirkt.
Jan versteht das Theater als Ort, der gerade in Zeiten digitaler Filter unmittelbare Erlebnisse ermöglicht. Es ist eine Einladung, das digitale Rauschen für einen Moment auszublenden und sich ganz auf die physische Präsenz der Darsteller*innen einzulassen.
Krystian hofft derweil auf den Moment des Wiedererkennens. Das Publikum soll sich in den Figuren auf der «Hair»-Bühne spiegeln können. Ob man in den Sechzigern selbst Hippie war oder heute als junger Gay seinen Platz in der Gesellschaft sucht – die Botschaft von «Hair» bleibt universell.
Am Ende geht es den beiden nicht um Preise, sondern um Begegnung im Saal. Wahre Kunst misst sich für sie nicht an Trophäen, sondern an jenen Momenten, in denen sich Menschen berühren lassen.

Jan Henric Bogen
Der 42-jährige Kölner ist Intendant von «Konzert und Theater St. Gallen» und leitet zudem die Sparte Musiktheater am grössten Kulturhaus der Ostschweiz. Jan hat Jura und Musikwissenschaft studiert, ist leidenschaftlicher Opern- und Musicalkenner sowie strategischer Kopf. Vor seinem Engagement in St. Gallen war er in Deutschland, Österreich und Belgien für verschiedene Kulturinstitutionen tätig. Seit 2021/22 leitet er die Musiktheatersparte in St. Gallen. In der Saison 2023/24 übernahm er zusätzlich die Gesamtverantwortung als Intendant. Seither konnte das Haus die Besucherzahlen deutlich steigern. Er setzt konsequent auf Themen wie Diversität, Partizipation und ein Programm, das gesellschaftlich relevante Fragen stellt.

Krystian Lada
Der 42-jährige Warschauer ist ein international gefragter Regisseur. Krystian lebt heute in Belgien und prägt von 2024 bis 2026 als Programmdirektor die Ruhrtriennale. Das Festival zählt zu den bedeutendsten Kunstereignissen Deutschlands und findet im Ruhrgebiet statt. Es bespielt ehemalige Industriehallen in Städten wie Bochum, Duisburg und Essen. Bekannt ist die Ruhrtriennale für innovative Formate, die Musik, Tanz und Theater in kathedralenartigen Industriebauten vereinen.

Konzert und Theater St. Gallen
Die Institution ist ein Vierspartenhaus mit den Bereichen Schauspiel, Tanz, Musiktheater und Konzert. Unter der Leitung von Jan Henric Bogen verfolgt das Haus einen mutigen Kurs, der auch marginalisierte Themen wie queere Identitäten auf die grosse Bühne bringt. Ziel ist ein Haus für alle, das mutige Stoffe mit regionaler Verankerung verbindet und sich als relevanter Akteur in der Schweizer Kulturlandschaft positioniert.
