Leo Dillier: «Ich konnte nicht länger mit der Lüge leben»

Diversity Porträts

Bild: Moor Media
Zum Coming Out Day am 11. Oktober: DISPLAY sprach mit dem 25-jährigen Aargauer Beachvolleyball-Profi Leo Dillier über die Reaktionen auf seinen Schritt an die Öffentlichkeit.

Als er 14 war, merkte Leo Dillier, dass er schwul ist. Zu diesem Zeitpunkt bewegte er sich bereits im Umfeld des Spitzensports. Über Homosexualität wurde dort allerdings kaum gesprochen. Und wenn, dann abwertend: «Schwulsein wurde mit Schwäche oder etwas Schlechtem verbunden», erinnert sich Leo.

Im Training hörte der junge Sportler immer wieder Sprüche wie «Mach nicht so einen schwulen Service». Solche abwertenden Aussagen prägten ihn und führten dazu, dass er seine eigene Sexualität verheimlichte. Die Gefahr bestand, dass er eine internalisierte Homophobie entwickeln könnte.

Im August schliesslich entschied sich Leo Dillier dazu, den Schritt aus dem Schrank zu wagen: In einem Instagram-Video outete er sich. Wie waren die Reaktionen? DISPLAY fragte nach.

DISPLAY: Leo, herzlichen Glückwunsch zu deinem Coming-out auf Instagram! Wie reagierte dein Umfeld auf die Enthüllung?

Leo Dillier: Eigentlich sehr positiv. Ich hatte vorher schon Respekt davor, wie die Leute reagieren würden, und war auch nervös. Aber ich habe viele Nachrichten bekommen, eigentlich fast nur positive. Auch von Leuten, mit denen ich schon länger keinen Kontakt mehr hatte. Das hat mich sehr gefreut und berührt. Am meisten überrascht hat mich, wie viele Leute sich die Zeit genommen haben, mir persönlich zu schreiben.

Und wie reagierten deine Sportlerkollegen, insbesondere dein Teampartner Marco Krattiger?

Im Sport war das für mich schon ein Thema, weil ich mir viele Gedanken gemacht habe, wie die Leute reagieren würden. Marco wusste aber schon lange vorher davon, und für ihn war es eigentlich nie etwas Besonderes. Er hat locker darauf reagiert und mich sofort unterstützt. Das war schon immer so, und genau das habe ich sehr geschätzt. Es hat mir das Gefühl gegeben, dass ich bei ihm und im Sport einfach so sein kann, wie ich bin.

Bild: Starkes Team: Leo mit seinem Beachvolleyball-Partner Marco Krattiger (rechts). (Bild: Moor Media)

Haben auch andere offen schwule Sportler auf deinen Schritt reagiert?

Ja, ich habe einige Nachrichten von anderen Personen bekommen, die sich teilweise mit meiner Situation identifizieren konnten. Einige haben mir geschrieben, dass sie noch mit dem Gedanken an ein Coming-out beschäftigt sind oder diesen Schritt noch vor sich haben. Das fand ich sehr schön, und ich finde es cool, wenn mein Schritt anderen ein bisschen Mut geben kann. Gleichzeitig soll jeder seinen eigenen Weg gehen und selbst entscheiden, wann und ob er diesen Schritt machen möchte. Wenn dadurch auch nur eine Person ihren eigenen Weg ein bisschen leichter gehen kann, freut mich das sehr.

Du bist jetzt für viele junge schwule Sportler ein Role Model. Hättest du dir so ein Vorbild als Teenager auch gewünscht?

«Ja, definitiv. Mir hätte es als Teenager sehr geholfen, wenn es einen Sportler gegeben hätte, der offen schwul ist und trotzdem ganz selbstverständlich seinen Sport macht.»

Ich hatte lange das Gefühl, dass ich im Sport nicht wirklich offen damit umgehen kann und dass ich irgendwie anders sein muss. Deshalb finde ich es heute schön, wenn ich für andere vielleicht genau diese Person sein kann, die ich mir damals selbst gewünscht hätte.

«Wenn durch meinen Schritt auch nur eine Person ihren eigenen Weg ein bisschen leichter gehen kann oder sich im Spitzensport etwas wohler fühlt, wäre das für mich schon sehr viel wert.»

Bild: Leo Dillier | Instagram

Auf Social Media tummeln sich leider auch viele Hater. Gab es auch negative Reaktionen? Aus welcher Ecke kommen sie?

Ja, natürlich gab es auch negative Nachrichten und Kommentare. Das gehört bei Social Media leider auch dazu. Gleichzeitig habe ich aber viele positive Reaktionen bekommen, was mich sehr gefreut hat. Natürlich wäre es schön, wenn wir generell weniger verurteilen und uns gegenseitig einfach so leben lassen würden, wie wir sind. Das ist vielleicht utopisch, aber ich glaube, es wäre schön, wenn wir alle ein bisschen mehr in diese Richtung gehen könnten.

Und wie gehst du mit den Hassnachrichten um?

Ich versuche, solche Nachrichten nicht zu nahe an mich heranzulassen. Natürlich liest man gewisse Sachen und denkt sich kurz seinen Teil, aber ich weiss, welche Menschen hinter mir stehen und was für mich wichtig ist. Und ich glaube, gerade bei Social Media muss man auch lernen, nicht jede Meinung persönlich zu nehmen. Wenn etwas zu weit geht, lösche ich es oder blockiere die Person einfach.

 

Der Sand ist sein Element: BeachvolleyballProfi Leo Dillier (Bild: Leo Dillier | Instagram)

Du hast den Schritt in die Öffentlichkeit erst mit 25 Jahren gewagt. Liegt das daran, dass im Sport vielerorts Schwule noch verachtet werden? Du hast immer wieder abschätzige Sprüche gehört.

Ich glaube, es ist eine Mischung aus verschiedenen Dingen. Ich habe im Sport auch schon schlechte Erfahrungen gemacht, und natürlich bekommt man immer wieder Sprüche oder Aussagen mit, die einem im Kopf bleiben, im Stil von «Spiel nicht so schwul». Dadurch macht man sich Gedanken, wie andere reagieren könnten. Gleichzeitig war es aber auch meine eigene Angst und die Gedanken darüber, was passieren könnte oder ob sich dadurch in meinem Umfeld oder im Sport etwas verändern würde, die mich hemmten. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr ständig darüber nachdenken und mich verstecken möchte.

Inwiefern wird der Schritt dein Leben und deine Sportlerkarriere verändern? Die Wettkämpfe finden auch in Ländern statt, in denen Homosexualität strafbar ist.

Ich hoffe, dass sich vor allem für mich persönlich etwas verändert und ich einfach freier damit umgehen kann. Sportlich möchte ich eigentlich gar nicht, dass sich etwas verändert. Ich bin immer noch derselbe Mensch und derselbe Sportler wie vorher. Natürlich ist mir bewusst, dass wir teilweise auch in Ländern spielen, in denen Homosexualität nicht akzeptiert oder sogar strafbar ist. Da werde ich sicher auch weiterhin vorsichtig sein und je nach Situation überlegen, wie offen ich damit umgehe. Meine Sicherheit steht dabei an erster Stelle.

Bereust du deinen Schritt oder würdest du es wieder genau gleich machen im Sinne von Édith Piafs «Non, je ne regrette rien»?

Ich bereue nichts und bin sehr froh, dass ich den Schritt gemacht habe. Ich hatte vorher viele Bedenken, aber im Nachhinein war die Angst viel grösser als das, was tatsächlich passiert ist.

«Ich würde es definitiv wieder genauso machen.»

Zum Schluss noch eine indiskrete Frage: Willst du uns etwas über deinen Beziehungsstatus verraten?

Nein. Das möchte ich gerne privat halten.

Bild: Moor Media

Persönlich

Leo Dillier, 25, ist Spitzen-Beachvolleyballer, sein Partner auf dem Feld ist Marco Krattiger. Neben dem Sport absolviert er die Berufsmatura als Automatiker.

Das grosse Ziel des 1,92 Meter grossen Sportlers sind die Olympischen Spiele 2028. Sie finden in den USA statt, einem Land, das unter Donald Trump leider alles andere als gay-friendly war.

Leo Dillier wohnt in Möhlin AG und trainiert in Bern.

Bild Leo Dillier | Instagram

Coming Out Day

Der Coming Out Day wird weltweit und in der Schweiz am 11. Oktober begangen. Er soll queere Menschen dazu ermutigen, zu ihrem Anderssein zu stehen. Der Tag geht auf den zweiten nationalen Marsch für Lesben- und Schwulenrechte in Washington, D.C., am 11. Oktober 1987 zurück und wurde erstmals 1988 begangen.

In der Schweiz gibt es dazu verschiedene Veranstaltungen und Aktionen, wie zum Beispiel von Gruppen wie Queerdom Schaffhausen. Die Schaffhauser führen am Samstag, 10. Oktober 2026, eine Standaktion durch.

Beat A. Stephan

Redaktion
DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

05.10.2026

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