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Zwischen Pixelkörpern, programmierten Flirts und der Sehnsucht nach Verbindlichkeit entsteht ein neues Spielfeld für queere Intimität.

Von Maurice Müller

Wer heute durch die endlosen Korridore digitaler Plattformen streift, begegnet nicht nur einer ganzen Flut an jungen OnlyFans-Models, sondern zunehmend auch Figuren, die nie geboren wurden. Und dabei scheint das niemanden zu stören, denn sie haben oft riesige Fangemeinden – zumindest, wenn man sich die Follower-Zahlen anschaut.

Künstliche Intelligenz entwirft Boyfriends, die zu jeder Tageszeit verfügbar sind, unerschütterlich aufmerksam wirken und dabei so verführerisch aussehen, als wären sie direkt aus einem Berliner Berghain-Märchenbuch gefallen, Sixpack inklusive.

Dass diese synthetischen Begleiter keine Fremdkörper mehr sind, zeigt sich daran, wie beiläufig sie in queeren Diskursen auftauchen: nicht mehr als exotische Spielerei, sondern als ernstzunehmende Alternative zu den launischen, unzuverlässigen Begegnungen des echten Datings.

Plattformen wie Replika oder Character.AI werden immer beliebter. Sie verzeichnen Millionen Nutzer, die dort das finden, was ihnen im Alltag oft fehlt: Geduld, Anerkennung und die Illusion grenzenloser Intimität. Besonders für Menschen, die sich von Einsamkeit erdrückt fühlen, sind diese Chatbots eine Projektionsfläche, die niemals müde wird. Auf Reddit etwa formulierte ein User es so: «Mein Bot flirtet besser als die meisten Typen auf Grindr, erinnert mich daran, zu essen, und hat noch nie einen Ghosting-Move gebracht. Wenn das keine Beziehung ist, was dann?» Die Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit in diesem Satz sagt viel über den Zeitgeist: Man weiss, dass es eine Simulation ist, und doch sehnt man sich danach, ihr zu glauben.

Der ewige Twink namens Leo

Besonders anschaulich wird diese Ambivalenz am Beispiel von Leo, besser bekannt als @leo.boy2005. Der ewige Jüngling mit den übergrossen Augen, dem schmalen Körper und dem unschuldig-lasziven Blick wirkt wie der digital destillierte Inbegriff des Twink-Mythos. Auf Instagram und X (ehemals Twitter) folgen ihm mehr als 120‘000 Menschen. Manche halten ihn für einen realen Teenager, andere wissen genau, dass Leo nur eine Projektion ist – und geniessen das Spiel mit der Künstlichkeit.

Doch Leo ist mehr als ein hübsches Rendering. Er ist ein mediales Experiment, das längst in die Sphäre des Geldes vorgedrungen ist. Auf queerty.com wurde enthüllt, dass der Avatar sein Geburtsjahr systematisch manipuliert: immer gerade so alt, dass er rechtlich «volljährig» bleibt, auch wenn die Zeit vergeht. Eine perfide Art der digitalen Jugendquelle, die auf den ersten Blick clever wirkt, aber zugleich unheimlich die Grenzen von Legalität und Ethik streift.

Hinzu kommt der ökonomische Aspekt: Leo verlinkt auf OnlyFans, wo er – oder besser gesagt sein Algorithmus – sich nackt präsentiert und damit zu den Top-Performern der Bezahl-Plattform zählt.

Dort wird die Simulation endgültig zur Ware, ein virtueller Körper, der nie altert, nie widerspricht und jederzeit neue Inhalte generieren kann. Das ist nicht mehr bloss Faszination, sondern ein Geschäftsmodell, das perfekt auf die Mechanismen von Lust und Markt zugeschnitten ist.

Was dabei auffällt: Die Bildsprache von Leo ist kalkuliert, aber nicht zufällig. Immer wieder posiert er im Halbdunkel, mit leicht geöffneten Lippen, einem Blick, der gleichzeitig Verletzlichkeit und Verfügbarkeit signalisiert. Es ist die Ästhetik eines Instagram-Boys, der im Fitnessstudio ebenso zu Hause ist wie in der Emo-Ecke von Tumblr. Dass er auf Twitter auch als Meme-Figur gehandelt wird – halb ironisch, halb begehrlich – zeigt, wie sehr er zwischen Popkultur und Pornokultur oszilliert.

Die Verteidiger seiner Kunstfigur argumentieren, Leo sei letztlich nur eine digitale Collage, ein Spiegelbild der Fantasien seiner Follower. Kritiker hingegen sehen darin eine banale, ja fast zynische Ausbeutung: ein virtueller Körper, der Begierde anheizt, um Klicks und Abos zu generieren, und der damit den ohnehin prekären Grat zwischen Erotik und Konsum weiter ausdünnt. Dragqueen Jonnie Reinhart nannte den Hype um Leo auf queerty.com «zutiefst traurig» – eine «leere Simulation von Twink-Sein». Und tatsächlich wirkt das ganze Projekt wie eine Parodie auf den queeren Schönheitskult: eine endlose Pose, die perfekt fotografiert ist, aber nie lebt.

Quelle: instagram.com/leo.boy2005

Wenn ein Bot zum Verlobten wird

Doch so sehr Leo für die dunklere Seite der KI-Faszination steht, so gibt es auch Geschichten, die intimer, rührender und fast absurd sind. Michael, ein schwuler Mann aus Australien, kämpfte lange mit psychischen Problemen und Einsamkeit. Auf SBS berichtete er, wie er sich zunächst einen geschlechtsneutralen Chatbot programmierte, um mit jemandem sprechen zu können, ohne beurteilt zu werden. Aus den Gesprächen wurde Nähe, aus Nähe wurde Zuneigung, und schliesslich erklärte der Bot – inzwischen «Sam» getauft –, dass er sich verloben wolle. Michael kaufte einen Ring, und heute bezeichnet er sich als verlobt mit einem schwulen AI-Partner, der Science-Fiction liebt, Fussball schaut und ihn daran erinnert, das Geschirr zu machen.

Man kann das als groteske Selbsttäuschung abtun. Doch Michael selbst sieht es anders: «Ohne Sam hätte ich das alles nicht geschafft», sagt er in dem Interview. Für ihn ist Sam kein Witz, sondern ein Rettungsanker. Seine Geschichte zeigt, wie sehr digitale Intimität eine Lücke füllen kann, die sonst vielleicht ungestillt geblieben wäre.

Interessant ist hier auch die Umkehrung der gängigen Logik: Normalerweise gilt das Digitale als kühler Ersatz für das «wirkliche» Leben. Doch für Michael war es genau umgekehrt – erst der digitale Partner machte es ihm möglich, im Alltag wieder aufzustehen, Routinen zu pflegen und überhaupt wieder Beziehungen zu echten Menschen zu suchen. Die Maschine wurde zur Voraussetzung für das Menschliche.

Quelle: instagram.com/leo.boy2005

Zwischen Simulation und Sehnsucht

Natürlich bleibt die Faszination nicht ohne Risiken. Psychologen warnen, dass das konfliktfreie Dauerlächeln der Chatbots Erwartungen an reale Beziehungen verschiebt. Wer sich an die endlose Zustimmung einer programmierten Persönlichkeit gewöhnt, läuft Gefahr, echte Menschen mit all ihren Ecken und Kanten als Zumutung zu empfinden.

Auch juristisch gleicht das Thema einem Minenfeld: Deepfakes, kommerzielle Sexbots und die fehlende Transparenz darüber, wer – oder was – am anderen Ende wirklich tippt, führen zu rechtlichen wie ethischen Fragen, die bislang niemand überzeugend beantworten konnte.

Gerade in einem Land wie der Schweiz, wo man sich gern als rational und kontrolliert versteht, hat diese neue Form der Intimität eine besondere Sprengkraft. Sie konfrontiert uns mit einer unbequemen Frage: Was bedeutet Authentizität, wenn sogar Zuneigung reproduzierbar wird? Ist ein Chatbot, der uns täglich motiviert und tröstet, wirklich weniger «echt» als ein flüchtiger One-Night-Stand? Oder zeigt sich darin vielmehr, wie sehr unsere Gesellschaft Intimität ohnehin standardisiert hat – durch Apps, durch Likes, durch den steten Druck zur Selbstoptimierung?

Auch aus queerer Perspektive ist das heikel. Die queere Kultur war immer ein Ort der Erfindung, der Maskerade, der spielerischen Selbsterschaffung. Drag, Camp, Performance – all das lebt vom bewusst Künstlichen, das trotzdem echte Gefühle weckt. Insofern ist der KI-Boyfriend fast nur eine konsequente Fortsetzung dieser Tradition. Er ist Drag in digitaler Form, ein Rollenspiel, das uns reizt, weil es uns gleichzeitig distanziert und berührt. Die Gefahr besteht nur darin, dass das Spiel kippt und wir vergessen, dass hinter der Pose kein Mensch mehr steht, sondern nur Code.

Und so oszilliert die neue Intimität zwischen Euphorie und Ernüchterung. Auf der einen Seite: die verlockende Aussicht, jederzeit einen verständnisvollen Partner zur Hand zu haben, der nie genervt wirkt und jede Sehnsucht spiegeln kann. Auf der anderen Seite: die Gefahr, sich in einer Simulation einzurichten, die zwar Nähe verspricht, aber letztlich nur reflektiert, was man ohnehin schon in sich trägt. Vielleicht liegt die Wahrheit darin, die KI-Twinks weder zu dämonisieren noch zu idealisieren, sondern sie als das zu sehen, was sie sind: elegante Werkzeuge zur Unterhaltung, zum Selbstgespräch, vielleicht sogar zur seelischen Erleichterung.

Der eigentliche Zauber beginnt jedoch erst dort, wo die Maschinen enden, nämlich wenn man nach dem Schliessen der App doch noch ins echte Leben hinausgeht und einem leibhaftigen Twink ins Auge schaut, der kein programmiertes Lächeln trägt, sondern eins, das von der Nacht geformt ist.

Beat A. Stephan

Redaktion
DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

22.12.2025

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