Jungs  sollen weinen 

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JJ Bola, Autor von «Sei kein Mann»: Warum wir uns mit toxischer Männlichkeit selbst zerstören. 

Von Christian Gersbacher

JJ Bola, geboren im Kongo, kam im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie nach England und wuchs im multikulturellen Londoner Stadtteil Camden auf. Als Jugendlicher war er selbst oft mit toxischen Vorstellungen von Männlichkeit konfrontiert und litt an Depressionen. 

Nach seinem Master in Creative Writing arbeitete er einige Jahre als Sozialarbeiter mit Jugendlichen mit psychischen Problemen. Sein Buch «Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist», in dem er traditionelle Männlichkeitsbilder anprangert, wurde zum Weltbestseller und stand monatelang auf der «Spiegel»-Liste. 

Bola engagiert sich weltweit zu Themen wie Rassismus, Migrationserfahrungen und Männlichkeit. Mit seinen Büchern will er dazu anregen, Privilegien zu hinterfragen und aufzeigen, welche fatalen Auswirkungen Sprüche wie «Männer weinen nicht», «Männer müssen rational sein» und «Männer dürfen keine Emotionen haben» auf die Sozialisierung junger Männer in der Gesellschaft haben können.

DISPLAY hat mit Bola über seine persönlichen Erfahrungen als junger Mann mit toxischer Männlichkeit gesprochen, über die Schwierigkeiten, Gefühle auszudrücken und die Notwendigkeit, das Bild von Männlichkeit in unserer Gesellschaft zu verändern. 



DISPLAY: Der Titel Ihres Buches lautet: «Sei kein Mann«. Was möchten Sie mit diesem Titel ausdrücken? 

JJ Bola: Wir wollten mit dem Titel «Sei kein Mann» provozieren, weil er die lächerliche Aufforderung «Sei ein Mann» in Frage stellt. Diese wird an Boys oft gerichtet, wenn von ihnen erwartet wird, «härter» zu werden oder weniger emotional zu sein. Der Titel regt dazu an, darüber nachzudenken, was es wirklich bedeutet, ein Mann zu sein, und warum das problematisch sein kann.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie früher einem klassischen Männlichkeitsbild entsprachen. Sie haben wenig Gefühle gezeigt und waren eher aggressiv. Heute sind Sie ein sensibler Schriftsteller. Was war der Grund für diesen Wandel?

Ich merkte, dass es mir nur schadete und mich zurückhielt, wenn ich mich den toxischen Männlichkeitsidealen einer patriarchalischen Männlichkeit anpasste. Ausserdem war es für mich ein Versuch, der Norm zu entsprechen. Es war eine Fassade, eine Maske, um zu verbergen, wer ich wirklich war – ich hatte Angst, dass mein wahres Ich abgelehnt werden würde. 

Denn unter all der männlichen, toxischen Darstellung steckte ein kreativer, sensibler Junge, der darum bettelte, frei zu sein. Ich hatte das Glück, Menschen zu treffen und Bücher zum Thema zu lesen, die mich dazu brachten, mein Denken zu hinterfragen. Und schliesslich habe ich meinen eigenen Weg gefunden.

Wie wichtig war für Sie Männlichkeit, als Sie ein Teenager waren? 

Als Jugendlicher, vor allem in dem urbanen Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich Männlichkeit als Kampf, als Schlacht, als Herausforderung wahrgenommen. Es ging ums Überleben. Man musste sich Respekt verschaffen, man durfte keine Angst haben, man musste seinen Willen durchsetzen. 

Es war ein toxisches Beispiel von Männlichkeit, das auf Dominanz beruhte, und obwohl das ganz und gar nicht meiner Persönlichkeit entsprach, hat es mein Denken beeinflusst. Als ich älter wurde, merkte ich, dass dies keine gesunde Lebensweise ist.

In Ihrem Buch stellen Sie patriarchale Gesellschaftsstrukturen in Frage. Warum ist das Patriarchat auch für Männer gefährlich?

Das Patriarchat ist auch für Männer gefährlich, weil es ihnen eine andere Art von Schaden zufügt, auch eine Art von Selbstschädigung. Die Art des Leidens, mit der Cis-Männer konfrontiert sind, ist spezifisch für die Tatsache, dass sie einerseits durch das Patriarchat privilegiert sind, andererseits aber auch durch das Patriarchat unterdrückt werden. 

So sind beispielsweise statistisch gesehen die meisten Obdachlosen Männer. Männer sind am häufigsten drogenabhängig und Männer sterben häufiger durch Suizid. Dies sind direkte Folgen der patriarchalischen Erwartung und der toxischen Sozialisation, dass Männer keine Hilfe oder Unterstützung brauchen, was zu einer Art Selbstzerstörung führt.

Da Männer weniger geneigt sind, Unterstützung zu suchen oder radikale Ideen wie beispielsweise den Feminismus zu verfolgen, die diesen Schaden für sie selbst und andere beenden könnten, wird uns beigebracht, am Patriarchat festzuhalten, um einige Privilegien zu erhalten. Dies, obwohl es uns in Wirklichkeit mehr schadet als nützt. 

Wir haben über den Begriff toxischer Männlichkeit gesprochen. Was genau verstehen Sie darunter?

Meine Definition von toxischer Männlichkeit ist die Ausführung eines Verhaltens oder einer Handlung oder das Festhalten an einer Idee oder Überzeugung von Männlichkeit, die durch das Patriarchat verstärkt wird und die anderen oder sich selbst Schaden zufügt.

Zum Beispiel ist «Männer weinen nicht» eine Idee oder Überzeugung, die sich oft in einem bestimmten Verhalten manifestiert. Sie sozialisiert Jungs und Männer in der Vorstellung, hart zu sein, Emotionen zu unterdrücken, keine Unterstützung zu suchen und keinesfalls verletzlich zu sein, was wiederum oft dazu führt, dass sie sich selbst oder anderen Schaden zufügen.

Ausserdem gilt toxische Männlichkeit nicht nur für Männer. Auch andere Menschen/Geschlechter, die sich nicht als Männer identifizieren, können toxisch-maskuline Ideale vertreten oder toxisch-maskuline Verhaltensweisen an den Tag legen.



Warum fällt es vielen Männern so schwer, über ihre Gefühle zu sprechen?

Aus den Gründen, die mit der obigen Frage zur toxischen Männlichkeit zusammenhängen, liegt es an der Art und Weise, wie Männer in der Gesellschaft sozialisiert werden – im en im Westen, aber im Grossen und Ganzen auf der ganzen Welt. Buben wird von klein auf beigebracht, dass Männer nicht emotional sein dürfen, dass Männer nicht weinen dürfen, dass Männer nicht schwach sein dürfen. Männer sollen stark und zäh sein. Und es gibt nur wenige Orte, an die sich Männer wenden können, um über ihre Gefühle zu sprechen, um Unterstützung zu suchen, ohne verurteilt zu werden oder negative Konsequenzen zu spüren.

Aber ich bin sehr optimistisch, dass sich etwas ändert, wenn sich junge Männer dieser Probleme bewusst werden und versuchen, sie zu lösen. 

Was kann getan werden, um das klassische Männlichkeitsbild in unserer Gesellschaft zu verändern? 

Wir brauchen eine bessere Darstellung positiver Männlichkeiten. Verschiedene Beispiele von Männern, die über das klassische Bild von Männlichkeit hinausgehen. Verschiedene Körper, verschiedene Fähigkeiten, verschiedene Klassen, verschiedene Rassen, verschiedene Geschlechter, verschiedene Ausdrucksformen. Je mehr Vielfalt wir in den Medien sehen, in Musik und Videos, in Serien und Filmen, in unserer Gesellschaft im en, desto mehr werden junge Menschen in der Lage sein, jemanden zu finden, mit dem sie sich identifizieren können und der ihnen ein positives Beispiel dafür ist, wer sie sein wollen. Leider leben wir in einer Zeit, in der wir junge Menschen vielen negativen Beispielen aussetzen, und dann sind wir schockiert, wenn sie davon beeinflusst werden.

Was macht einen Mann für Sie authentisch? 

Für mich ist ein authentischer Mann nichts anderes als eine authentische Frau oder ein authentischer Mensch. Ein authentischer Mann ist ein authentischer Mensch. Wie behandeln sie sich selbst? Wie behandeln sie Ihre Mitmenschen? Leben sie mit Liebe, Empathie, Mitgefühl und Freundlichkeit? Sehen sie den Menschen in anderen, jenseits der Politik und des Stigmas, das mit dieser Person und ihrer Identität verbunden ist? Sehen sie den Menschen in sich selbst, jenseits der Politik und des Stigmas, das mit Ihnen verbunden ist? 

Ich glaube, wir brauchen ein modernes Bild von Männlichkeit, das nachdenklich, reflektierend und mitfühlend ist   


Bestseller

JJ Bola: Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist. Verlag hanser blau.

Christian Gersbacher

Redaktion
DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

11.08.2024

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