Das sicherste Land für Gays? Das mit den Vulkanen
Island führt den Gay Travel Index 2026 an. Das verwundert kaum. Interessanter ist die Frage, was das Land eigentlich so anders macht.
Es gibt Länder, die man jedes Jahr auf denselben Listen findet. Sicherste Städte der Welt. Beste Gesundheitssysteme. Glücklichste Bevölkerungen. Island ist so ein Land. Zuverlässig weit oben, gern unter den ersten drei, selten weiter hinten als fünf. Beim Spartacus Gay Travel Index 2026 hat es nun Platz eins belegt, Malta und Spanien folgen auf Rang zwei. Man könnte das als Bestätigung des Offensichtlichen abtun. Wäre aber schade. Denn wer genauer hinschaut, merkt, dass Island keine Nummer eins ist, weil es so gut im Ranking-Spielen ist. Sondern weil es seit Jahrzehnten ganz konkrete Entscheidungen getroffen hat, die sich heute in einem sehr bestimmten Reisegefühl niederschlagen.
Der Spartacus Gay Travel Index wird seit 2012 jährlich publiziert und bewertet 217 Länder und Regionen nach Kriterien wie Antidiskriminierungsgesetzgebung, Eherecht, Adoptionsrechten, Transrechten, Hassverbrechensstatistiken und gesellschaftlicher Offenheit. Island sammelt in fast allen dieser Kategorien Pluspunkte: Gleichgeschlechtliche Ehe seit 2010, beschlossen mit 49 zu null Stimmen im Parlament; Adoptionsrecht seit 2006; Konversionstherapie verboten seit 2023. Und das mit einer Bevölkerung von rund 380’000 Menschen, also ungefähr so viel wie die Stadt Zürich.
Nicht laut, aber klar
Was queere Reisende an Island häufig überrascht, ist das Fehlen der grossen Geste. Kein Regenbogen-Quartier mit eigenem Namen, keine Gay Street mit Türstehern und Treppchen. Reykjavik funktioniert anders. Die Offenheit zeigt sich weniger in dezidierten Szene-Lokalen als in dem, was man Atmosphäre nennen könnte: Fast jede Bar in der Innenstadt gilt als sicherer Raum, fast jeder Eingang ziert eine Regenbogenfahne oder ein entsprechendes Hinweisschild. Die wenigen explizit queeren Orte, die es gibt, darunter die Kiki Queer Bar als bekannteste Adresse, sind entsprechend beliebt, aber eben nicht die einzige Option.
Dazu kommt etwas, das sich kaum in einem Index abbilden lässt: die gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Island hatte 2009 die weltweit erste offen lesbische Regierungschefin in der modernen Geschichte, Jóhanna Sigurðardóttir. Sie heiratete ihre Partnerin, kaum dass die Ehe gesetzlich möglich war. Das war eine politische Aussage, sicher. Aber vor allem war es einer dieser Momente, die zeigen, dass eine Gesellschaft irgendwann aufgehört hat, ein Thema als Thema zu behandeln.
Was der Gay Travel Index kann und was nicht
Der Spartacus Gay Travel Index ist ein nützliches Instrument, aber kein Reiseverprechen. Er misst Gesetze und messbare gesellschaftliche Indikatoren. Er misst nicht, wie es sich anfühlt, in einem Lokal die Hand seines Partners zu halten. Er misst nicht, ob der Blick des Kassierers freundlich oder leer ist.
Die Autoren des Index selber weisen 2026 auf eine wachsende Diskrepanz hin: Mehrere Länder, die gesetzlich stabil bleiben, verlieren Punkte in der Kategorie «Locals Hostile», weil die gesellschaftliche Akzeptanz unter Druck gerät. Selbst Dänemark, Australien und Kanada betrifft das. Island nicht.
Reykjavik im August
Wer den Gay Travel Index als Einladung nimmt: Das Reykjavik Pride Festival findet jeweils im August statt. Was 1999 als kleines queeres Wochenende begann, zieht heute schätzungsweise 100’000 Menschen an, was bei der Gesamtbevölkerung Islands ein eindrücklicher Anteil ist. Nicht nur queere Reisende kommen. Das Fest hat sich zu einem Stadtfest entwickelt, das die Mehrheitsgesellschaft mitfeiert.

Maurice Müller
Online Redakteur
DISPLAY Magazin
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