Coming-out als Kunstserie: ego andaluz über Sichtbarkeit und Widerstand

Kunst

Coming-out in Linol geschnitten: Der Künstler ego andaluz in seinem Zürcher Atelier.
Der Zürcher Künstler ego andaluz hat die Geschichte seines späten Coming-outs in einer eindrücklichen Linolschnitt-Serie festgehalten. Gegenüber DISPLAY erklärt er, was es damit auf sich hat.

Über mich und meine Arbeit

Ich bin ego andaluz, ein Künstler aus Zürich. Geboren und aufgewachsen bin ich in der Schweiz, meine Familie hat spanische und portugiesische Wurzeln. Diese verschiedenen Prägungen gehören für mich zusammen: die Schweizer Genauigkeit, die Direktheit und Intensität, die ich mit Andalusien verbinde, und die leisere, melancholische Seite des Alentejo.

Ich habe Soziologie studiert und widme mich heute vollständig meiner Kunst. Im Zentrum meiner Arbeit steht der Linolschnitt. Meine Bilder zeigen häufig männliche Körper. Mich interessiert, wie wir Körper lesen: Warum scheint uns eine Haltung männlich, eine andere weiblich? Wer darf sich zeigen? Wann wird ein Körper als schön, begehrenswert, stark oder verletzlich wahrgenommen? Und wie viel von dem, was wir sehen, wurde uns kulturell beigebracht?

Wie ich zum Linolschnitt kam

Vor sieben Jahren las ich einen Artikel über Pablo Picassos Linolschnitte. Dabei kam eine Kindheitserinnerung zurück. Ich hatte als Kind schon einmal mit einer ähnlichen Technik gearbeitet, diese Erfahrung aber völlig vergessen. Noch am selben Tag kaufte ich mir mein erstes Linolschnitt-Set.

Mich faszinierte sofort die Konsequenz dieses Mediums. Beim Zeichnen kann man korrigieren, radieren und wieder von vorne beginnen. Beim Linolschnitt entfernt man Material. Was einmal weggeschnitten wurde, bleibt weg. Jede Linie ist eine Entscheidung.

Ich arbeite ausserdem ohne Druckpresse. Ich drucke mit Muskelkraft und meinem eigenen Körpergewicht. Dadurch entstehen kleine Unterschiede, Flecken und Unregelmässigkeiten. Ich versuche nicht, diese zu verstecken. Sie zeigen, dass hinter jedem Druck eine Hand, ein Körper und ein konkreter Arbeitsprozess stehen.

Diese Endgültigkeit passt für mich auch zur queeren Bewegung. Wenn Menschen erst einmal begonnen haben, sich sichtbar zu machen und ihre Rechte einzufordern, lässt sich das nicht einfach wieder ungeschehen machen. Fortschritt kann angegriffen und gebremst werden. Aber man kann nicht mehr so tun, als hätten diese Menschen, ihre Körper und ihre Geschichten nie existiert.

Die Entstehung von DRAW

DRAW ist eine dreiteilige Linolschnitt-Serie über mein Coming-out mit 30 Jahren. Die Arbeiten heissen BREAK, CONTESTED und REACH.

Die Serie entstand, nachdem ich mich entschieden hatte, meine Kunst öffentlich zu zeigen. Davor hatte ich schon mehrere Jahre lang gearbeitet, ohne meine Werke wirklich aus der Schublade zu holen. Der Schritt in die Öffentlichkeit fühlte sich für mich wie ein zweites Coming-out an.

Dabei ging es nicht darum, meine Sexualität noch einmal offenzulegen. Es ging darum, etwas anderes Persönliches sichtbar zu machen: meine Bilder, meine Gedanken, meine Vorstellung von Schönheit, meinen Blick auf männliche Körper und meinen Anspruch, Künstler zu sein.

Auch das machte mich angreifbar. Menschen konnten meine Arbeiten ablehnen, belächeln oder missverstehen. Sie konnten kritisieren, die Bilder seien zu sexuell, zu direkt oder nicht ernst genug. Genau dieses Gefühl erinnerte mich an mein erstes Coming-out: den Moment, in dem man etwas, das lange geschützt und verborgen war, nicht länger vollständig kontrollieren kann.

Deshalb wollte ich zu dieser Erfahrung zurückkehren. Nicht, um eine schöne Erfolgsgeschichte daraus zu machen, sondern um den Zustand festzuhalten, in dem ich damals wirklich war.

Die Geschichte hinter der Serie

Ich habe mich erst mit 30 geoutet. Davor war ich drei Jahre lang mit einem Mann zusammen, ohne dass meine Familie davon wusste.

Mein Partner war unglaublich geduldig. Er hat mich nie unter Druck gesetzt. Gerade deshalb wurde mir mit der Zeit klar, dass ich diese Situation keinesfalls unendlich weiterführen konnte. Ich liebte diesen Mann, hielt aber einen wesentlichen Teil unseres gemeinsamen Lebens verborgen.

Der Wendepunkt war eine Erkenntnis, die immer stärker wurde: Irgendwann würde ich mich entscheiden müssen. Entweder ich trenne mich von dem Menschen, den ich liebe, damit ich mich weiter verstecken kann. Oder ich höre auf, mich zu verstecken.

Damals glaubte ich wirklich, zwischen meinem eigenen Leben und meiner Familie wählen zu müssen. Auf der einen Seite stand mein Partner. Auf der anderen Seite standen meine Eltern, meine Brüder und das Leben, das ich bis dahin gekannt hatte. Heute weiss ich, dass ich die Liebe meiner Eltern zu mir völlig unterschätzt hatte. Damals wusste ich das nicht. Damals war die Angst real.

CONTESTED, 2026, Linolschnitt auf Papier, 70 × 100 cm, Edition von 10 | Contested zeigt zwei männliche Figuren im Kampf. Mir war wichtig, dass beide ungefähr gleich stark erscheinen. Es gibt keinen klaren Sieger. Die obere Figur wirkt im Moment dominanter, aber die Verhältnisse könnten sich jederzeit drehen. Für mich stehen die Figuren nicht einfach für eine falsche und eine richtige Identität. Beide gehören zu mir. Die eine Seite hatte gelernt, sich anzupassen, zu schweigen und Sicherheit durch Unsichtbarkeit herzustellen. Die andere wollte sich zeigen und ein Leben führen, das nicht ständig geteilt werden musste. Besonders wichtig ist die Hand der dominanten Figur. Sie ist nicht mehr zur Faust geballt. Vielleicht hört die Figur auf zu kämpfen. Vielleicht hat sie verstanden, dass dieser Konflikt nicht durch die vollständige Vernichtung der anderen Seite gelöst werden kann. Das Bild bleibt bewusst offen. Ein momentaner Sieg bedeutet nicht, dass etwas für immer entschieden ist. Auch nach einem Coming-out verschwinden eingeübte Ängste und Verhaltensweisen nicht automatisch.

Warum diese Angst so mächtig war

Von aussen betrachtet könnte man heute sagen: Es ist doch alles gut gegangen. Meine Familie hat mich nicht verstossen, meine Freunde sind geblieben, und mein Partner ist noch immer an meiner Seite.

Damals war die Vorstellung davon, was ich verlieren könnte, jedoch völlig real. Diese Angst bestimmte damals mein ganzes Leben.

Als Soziologe hilft mir heute Erving Goffmans Arbeit über Stigma und den Umgang mit Informationen, diese Zeit besser zu verstehen. Goffman beschreibt, wie Menschen versuchen zu kontrollieren, was andere über sie wissen dürfen, wenn eine Information gesellschaftlich gegen sie verwendet werden könnte. Man beginnt, sich selbst zu beobachten: Was sage ich? Mit wem werde ich gesehen? Welche Geschichte erzähle ich? Welche Teile meines Lebens muss ich an welchem Ort zurückhalten? So leben zu müssen, ist nicht einfach.

Das Coming-out bei meiner Mutter

Ich begann dort, wo es mir am schwersten fiel: bei meiner Mutter.

Sie reagierte nicht mit vorbereiteten, perfekten Sätzen. Sie hatte selbst Angst. Nicht vor mir, sondern davor, etwas falsch zu machen. Sie sagte, dass sie mit diesem Thema bisher nie konfrontiert gewesen sei, und entschuldigte sich bereits im Voraus für Dinge, die sie vielleicht einmal falsch sagen oder tun würde.

Das berührte mich sehr. Sie behauptete nicht, bereits alles zu wissen. Aber sie machte deutlich, dass sie lernen wollte. Ganz einfach war es für meine Mutter trotzdem nicht. Zwei Wochen später sagte sie zu mir: «Entweder du sagst es deinem Vater, oder ich. Aber einer von uns macht es. Ich habe keine Geheimnisse vor ihm.»

REACH, 2026, Linolschnitt auf Papier, 70 × 100 cm, Edition von 10 | In Reach befinden sich die beiden Figuren nicht mehr im Kampf. Sie sind einen Millimeter davon entfernt, sich mit den Fingerspitzen zu berühren. Die Figur rechts oben ist im Moment dominant. Sie wird von hinten gezeigt und repräsentiert für mich die Vergangenheit: das Leben, das bereits existiert hat, mit allen Gewohnheiten, Schutzmechanismen und Ängsten. Die andere Figur wird von vorne gezeigt. Sie steht für die Zukunft, die noch kein festes Gesicht hat, aber langsam sichtbar wird. Die obere Figur reicht der unteren den Finger. Es ist keine Umarmung und noch keine vollständige Versöhnung. Es ist ein vorsichtiger Kontakt. Beide Seiten versuchen herauszufinden, wer ihnen gegenübersteht. Sie sind kurz davor, gemeinsam etwas Neues zu schaffen. REACH interessiert mich deshalb besonders. Nach einem Bruch entsteht nicht sofort eine vollständig neue Identität. Man muss erst lernen, wie dieses neue Leben überhaupt aussieht.

Der Sonntag bei meinen Eltern

An diesem Sonntag ging ich früher zu meinen Eltern nach Hause, bevor meine drei Brüder zum Essen kamen. Meine Mutter und ich standen in der Küche. Ich sagte ihr, dass ich es meinem Vater jetzt erzählen würde. Mein Herz klopfte so stark wie nie zuvor.

Ich ging ins Wohnzimmer und setzte mich neben meinen Vater. Erst dort bemerkte ich, dass meine Mutter mir gefolgt war. Sie setzte sich zu uns und nahm meine Hand.

Ich sagte meinem Vater, dass ich einen Mann liebe.

Es wurde still. Er suchte nach Worten. Dann sagte er: «Weisst du, egal, ob du einmal etwas sehr gut machst oder einmal etwas sehr schlecht. Egal, ob du erfolgreich bist oder krank wirst. Du bist mein Sohn, und nichts kann an meinen Gefühlen zu dir rütteln.»

Ich fing an zu weinen. In diesem Moment fiel nicht nur der Druck von mir ab. Ich merkte, dass auch meine Mutter sehr erleichtert war. Wir hatten uns beide vor einer Reaktion gefürchtet, die nicht kam.

Später erzählte ich es meinen drei Brüdern während einer Familienreise nach Kopenhagen. Wir warteten in der Hotellobby auf unsere Eltern. Ihre Reaktion war so selbstverständlich und offen, dass sie meinen Partner direkt kennenlernen wollten.

Danach folgten meine engsten Freunde. Als auch sie voll hinter mir standen, veränderte sich etwas in mir. Ich dachte: Wenn meine Familie, meine Brüder, mein Partner und meine besten Freunde bei mir sind, dann kann alles andere kommen. Ich habe bereits alles, was ich wirklich brauche.

Das Coming-out veränderte die Beziehung zu meinem Partner vollständig. Wir mussten kein Versteckspiel mehr führen. Unser gemeinsames Leben fand nicht länger nur in meiner Wohnung statt. Wir konnten reisen, Menschen treffen, bei Familienfesten erscheinen und schöne Momente erleben, ohne vorher überlegen zu müssen, welche Geschichte wir erzählen.

BREAK, 2026, Linolschnitt auf Papier, 70 × 100 cm, Edition von 10 | In Break drückt ein Mann gegen zwei Wände. Die Wände selbst habe ich absichtlich nicht dargestellt. Aus meiner heutigen Perspektive weiss ich, dass sie nie wirklich existierten. Meine Familie liebte mich. Die Katastrophe, die ich mir ausmalte, trat nicht ein. Die Figur im Bild weiss das aber noch nicht. Für sie sind die Wände real. Ihr Körper ist angespannt, sie drückt mit aller Kraft dagegen und versucht, aus einem Raum auszubrechen, der sie vollständig einzuschliessen scheint. Das Bild zeigt den Moment, in dem Stillhalten nicht mehr möglich ist, obwohl man noch nicht weiss, was ausserhalb dieses Raumes wartet. Genau darin lag für mich der Bruch. Nicht darin, dass plötzlich alle Ängste verschwanden. Sondern darin, dass die Angst nicht mehr ausreichte, um mich an meinem bisherigen Platz zu halten.
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Weshalb DRAW kein Happy End zeigt

Das wirkliche Leben ging gut weiter. Darum geht es in DRAW aber nicht.

Viele Coming-out-Geschichten werden aus der Sicherheit der Gegenwart erzählt. Man kennt die Reaktion der Eltern. Man weiss, welche Freunde geblieben sind. Man weiss, ob die Beziehung überlebt hat. Dieses Wissen ordnet die Erinnerung im Nachhinein.

Ich wollte genau das vermeiden.

Während der monatelangen Arbeit an DRAW versuchte ich, mich wirklich in die damalige Zeit zurückzuversetzen. Ich wollte meinem früheren Ich nicht nachträglich eine Sicherheit geben, die es noch nicht hatte.

Die Person, die damals vor der Wohnzimmertür stand, wusste nicht, was in den nächsten Minuten passieren würde. Sie wusste nicht, dass meine Mutter ihre Hand nehmen würde. Sie kannte den befreienden Satz meines Vaters noch nicht. Sie wusste nicht, dass meine Brüder meinen Partner sofort kennenlernen wollten.

DRAW zeigt deshalb nicht, wie ich im Nachhinein auf mein Coming-out blicke. Die Serie zeigt, wie es sich mittendrin angefühlt hat: eingesperrt, umkämpft und noch ohne klares Ergebnis.

Der Titel DRAW hat mehrere Bedeutungen.

To draw bedeutet, etwas auf ein leeres Blatt zu zeichnen. Jede meiner Arbeiten beginnt dort: mit einer ersten Linie, aus der langsam etwas entsteht, das vorher nicht existiert hat. Auch ein Coming-out kann so verstanden werden. Man entdeckt nicht einfach eine fertige neue Identität, sondern beginnt, ein anderes Leben zu entwerfen.

Das englische Wort draw bezeichnet auch ein Unentschieden. Keine Seite hat endgültig gewonnen. Das passt zu dem inneren Konflikt, den die Serie zeigt.

Und «to draw something out» bedeutet, etwas hervorzuholen, das lange verborgen war. Das gilt sowohl für meine Coming-out-Geschichte als auch für meine Kunst, die ich viele Jahre nicht öffentlich gezeigt hatte.

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Sichtbarkeit und Widerstand

Vor einiger Zeit schmierte jemand eine dickflüssige Substanz genau auf den Teil meines Atelierfensters, auf dem ich mich als queeren Künstler positioniere. Ich putzte das Fenster und arbeitete weiter. Nicht weil der Vorfall bedeutungslos war, sondern weil er mir zeigte, dass queere Sichtbarkeit noch immer Reaktionen auslöst. So etwas wird mich nicht stoppen.

Seit meinem Coming-out reagiere ich sehr unmittelbar auf Homophobie. Das beginnt nicht erst bei einem offenen Angriff. Auch wenn Menschen die Pride lächerlich machen, homofeindliche Kommentare normalisieren oder Personen verspotten, die nicht ihren Vorstellungen entsprechen, widerspreche ich.

Ich habe lange genug Energie darauf verwendet, mich selbst zu kontrollieren und kleiner zu machen. Heute verwende ich diese Energie lieber für Widerstand.

Kompromisslose künstlerische Position

Ich weiss, dass meine Kunst unbequem sein kann. Ich bin schwul, direkt und manchmal explizit. Der Linolschnitt ist kein Mainstream-Medium. Manche Menschen würden meine Arbeiten nicht ihren Eltern zeigen.

Das nehme ich wahr. Aber ich werde meine Arbeit deshalb nicht harmloser machen.

Kompromisslos bedeutet für mich nicht, um jeden Preis zu provozieren. Es bedeutet, den eigentlichen Gedanken eines Werkes nicht abzuschwächen, nur damit es leichter konsumiert werden kann. Ich lasse mir nicht vorschreiben, welche Körper sichtbar sein dürfen, wie viel Begehren akzeptabel ist oder wann queere Kunst angenehm genug für den öffentlichen Raum wird.

Meine Arbeiten sollen schön sein. Sie dürfen sexy sein. Sie dürfen verletzlich, direkt und körperlich sein. Aber sie müssen vor allem ehrlich bleiben.

▶ Infos: egoandaluz.com / Instagram: egoandaluz

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DISPLAY Magazin

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Veröffentlicht:

14.09.2026

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