Scherbenhaufen nach dem Rekordjahr: Wie schlecht geht es der Zurich Pride wirklich?
Von Mark Baer
Von aussen betrachtet war die Zurich Pride 2025 ein Triumph: Zehntausende feierten, die Regenbogenfahnen wehten, und an den Bars wurde so viel konsumiert wie nie zuvor. Doch der Schein trügt. Hinter den Kulissen des grössten queeren Anlasses der Schweiz klafft ein finanzielles Loch. Statt eines ausgeglichenen Budgets präsentiert der Vorstand ein Defizit von mehr als 106’000 Franken. Die Führungsriege wurde abgewählt, die Kasse ist leer. Kann das Zurich Pride Festival im kommenden Jahr so überhaupt noch stattfinden?
Es ist eine Zahl, die schmerzt: Die Jahresrechnung des Vereins Zurich Pride weist 2024/25 einen Verlust von über 106’000 Franken aus. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn in diesem Fehlbetrag sind bereits über 30‘000 Franken aus einem hastig initiierten Crowdfunding eingerechnet. Ohne diese Spendengelder läge das Minus bei fast 140’000 Franken. Dazu gleich mehr.
Das Vereinsvermögen, einst ein stolzes Polster von fast 200’000 Franken, ist bis auf einen Restbetrag von rund 20’000 Franken freien Mitteln verdampft. Für Beat Steinmann, langjähriges Mitglied und Gastronom, ist das Ergebnis ein Schock. «Die vorgelegten Zahlen sind ein Schlag ins Gesicht der Mitglieder», sagt der 69-jährige Aargauer, der in Zürich lebt und die Pride-Finanzen seit einem Jahrzehnt kritisch begleitet. Mit seiner Kritik steht er nicht alleine da. Im Verein rumort es schon lange. Ein Grund für DISPLAY, das heikle Thema aufzugreifen.
Massive Materialkosten an den Bars
Besonders im Gastrobereich, eigentlich die finanzielle Lunge jedes Festivals, zeigt sich das Ausmass der Misswirtschaft. Tatsächlich wurde hier ein Rekord erzielt: Der Umsatz der Pride-Bars stieg auf einen Höchstwert von über 231’000 Franken. Auch der Ertrag aus dem Festivalbereich war so hoch wie nie. Weil die Materialkosten gleichzeitig von rund 82’000 auf über 127’000 Franken explodierten, blieb von diesem Geld jedoch nichts hängen. Beat Steinmann rechnet vor: «Bildlich gesagt hat man für jeden Franken Mehrumsatz 2.65 Franken Materialaufwand gehabt.» Ein solches Verhältnis ist in der Gastronomie ruinös, weshalb der Chef der Zürcher «Panorama-Stube» das Wirtschaften der Verantwortlichen als «stümperhaft» bezeichnet.
Zieht man vom verbleibenden Rohertrag noch die Infrastruktur sowie die Kosten für die teuren, bargeldlosen Zahlungsterminals (rund 34’000 Franken) ab, bleibt fast nichts übrig.
Doch nicht nur an den Bars versickerte das Geld. Ein zentraler Streitpunkt ist jedes Jahr das Budget für Bühnen und Showacts. Allein für die Hauptbühne wurden fast 83’000 Franken verbucht. Kritiker*innen monieren, man hätte auch eine einfachere, preiswertere Bühne wählen können. Auch wenn der Bereich Festival dank der Barumsätze rechnerisch Einnahmen generierte, ist das Ergebnis unter dem Strich verheerend, sobald man die explodierten Kosten für Sicherheit, Sanität, Toiletten und die enorme Infrastruktur auf der Landiwiese, das heisst Strom und Wasser, miteinbezieht.
Vorstand: «Zu wenig durchgegriffen»
Das grosse Loch in der Vereinskasse entstand durch «die unerwartet schnelle Veränderung nach der Wahl von Donald Trump und dessen Kampf gegen Diversity und Wokeness», erklärt die Präsidentin des Vereins Zurich Pride, Canan Uguroglu. «Wie viele andere Pride-Veranstaltungen hatten wir mit Schwierigkeiten beim Akquirieren neuer Partner.»
Die Sponsorensituation für den nächsten Sommer ist offenbar immer noch sehr ungewiss. Anscheinend hat für die Pride 2026 bisher nur ein Partner zugesagt.
Sponsoring-Einnahmen sind aber ein wesentlicher Teil des Gesamtertrags des queeren Mega-Events. Die Verantwortung für die Schieflage trägt jedoch das Gremium als Ganzes. Der Vorstand genehmigte die Überschreitungen, obwohl die Warnsignale an den Sitzungen vor der Pride 2025 sichtbar waren. Canan Uguroglu, die nach der Abwahl des Co-Präsidiums den Verein Zurich Pride interimistisch leitet, räumt Fehler ein: «Der Vorstand hatte erst spät einen vollständigen Überblick über alle Kostenentwicklungen», erklärt sie auf Anfrage von DISPLAY.
Als die Überschreitungen bekannt wurden, habe man aus Angst gehandelt: «Aus Sorge, dass durch eine Verkleinerung des Festivals auch die Einnahmen deutlich geringer würden, entschied sich der Vorstand, die Überschreitungen zu genehmigen.» Uguroglu gibt sich selbstkritisch: «Es wurde im Nachhinein gesehen zu wenig konsequent durchgegriffen.»
Auch das Pride-Magazin sorgte für rote Zahlen. 2024 nahm der Verein mithilfe des Magazins fast 42’000 Franken über Inserate ein. Statt der budgetierten 40’000 Franken sind diesen Sommer jedoch nur gut 9000 Franken in die Pride-Kasse geflossen. «Somit haben die Inserateeinnahmen nicht einmal die Druckkosten gedeckt», kritisiert Steinmann. Uguroglu betont aber, dass dem Magazin via Partnerschaften immerhin 25’500 Franken zugeflossen sind.

Behörden-Dschungel als Preistreiber
Zur Ehrenrettung des Vorstands muss erwähnt werden, dass nicht alle Probleme hausgemacht sind. Interne Dokumente und Aussagen an der GV belegen, dass die Stadt Zürich dem Verein offenbar das Leben erschwert. Statt mit einer zentralen Anlaufstelle muss sich der ehrenamtliche Vorstand mit 13 verschiedenen Ämtern und Stellen herumschlagen.
Zudem sind die externen Kosten rasant gestiegen. Die Ausgaben für die Sicherheit und neue Auflagen der Polizei belasten das Budget massiv. So wurden beispielsweise Toi-Toi-WC-Anlagen auf der Demo-Route verlangt, die mit 15’000 Franken zu Buche schlugen. Auch die Platzmiete und die Erschliessungskosten für die Landiwiese sind enorm.
Die Stadt Zürich, die sich gerne als Regenbogenmetropole inszeniert, müsste den Veranstalter:innen hier eigentlich entgegenkommen. DISPLAY hat zu diesem Thema eine Petition gestartet.
Politisches Erdbeben an der GV
Die Quittung für alle Verfehlungen folgte an der Generalversammlung vom 22. November. Ein Antrag auf Gesamtabwahl des Vorstands wurde angenommen – ein historisches Misstrauensvotum.
In den darauffolgenden geheimen Neuwahlen wurde nur der bisherige Co-Präsident Ronny Tschanz abgestraft und nicht wiedergewählt. Auch personell blutet der Verein aus. Neben Tschanz sind Finanzchef Dennis Radau, Festivalleiter Florian Gratz, Vorstandsmitglied Raphael Märki sowie Melissa Vangehr aus dem Ressort Politik ausgeschieden.
Neu im Boot sind Christian Gschwend, Lilith Stehlin und Rahel Schärer. Von den bisherigen Mitgliedern wurden Canan Uguroglu, Marco Uhlig und Andrea Meili wiedergewählt.
In einer Mitteilung an die Mitglieder betont der Vorstand stolz: «Zum ersten Mal in der Geschichte der Zurich Pride setzt sich der Vereinsvorstand aus einer Mehrheit von Flinta*-Personen zusammen.» Der Begriff Flinta steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen. Ob diese neue Zusammensetzung die Wende bringt, bleibt abzuwarten.
Der Crowdfunding-Kniff
Für viel Unmut sorgte an der GV der Umgang mit den Spenden. Die 30‘000 Franken aus dem Crowdfunding «Save our Pride» wurden laut Kritiker*innen so kommuniziert, dass Spender*innen glaubten, mit ihren Zuwendungen die Pride 2026 zu sichern. Faktisch wurden die Gelder jedoch verwendet, um das Defizit der Pride 2025 zu decken.
An der GV kam es deswegen zum Streit: Mitglieder monierten, das Geld gehöre nicht in die Jahresrechnung 2025. Der Finanzvorstand hielt dagegen, man habe es 2025 eingenommen. Canan Uguroglu verteidigt das Vorgehen des Vorstands: Das Crowdfunding habe den Zweck gehabt, die Handlungsfähigkeit zu sichern – und das sei durch die Verbuchung im aktuellen Jahr geschehen. Für viele Mitglieder bleibt dennoch ein Beigeschmack von «Budgetkosmetik».
Zukunft ungewiss
Canan Uguroglu und ihr neues Team stehen vor einem zum Teil selbstverschuldeten Scherbenhaufen. Das Budget für 2026 wurde von der Versammlung einstimmig abgelehnt. Der Verein ist bis zur ausserordentlichen GV im Februar faktisch handlungsunfähig.
Trotz der düsteren Aussichten gibt sich die interimistische Präsidentin kämpferisch: Es werde sicher eine Zurich Pride 2026 geben. «Wie diese aussehen wird, ist aber noch offen.»
Hinter der Bühne diskutiert man jetzt darüber, den LGBTQIA+-Anlass in Zukunft dezentraler zu gestalten. Das heisst, über die Stadt verteilte kleinere Anlässe und redimensionierte Bühnen. Die Folge davon wäre aber leider auch eine geringere Sichtbarkeit der queeren Community.
Die Pride-Präsidentin erklärt dazu, dass jetzt wohl definitiv kleinere Brötchen gebacken werden müssten. «Deshalb wird auch der ‘Look and Feel’ der Pride in Zukunft ein anderer sein.» Die interimistische Führungscrew habe die Reissleine gezogen.
Canan Uguroglu spricht gegenüber DISPLAY gar von einem «Reset». Bereits habe man strategische Meetings abgehalten und die Mitglieder des Vereins nach der Zukunft der Pride befragt.
Zukünftig möchte die Leitung weitere Einnahmequellen erschliessen. So sind beispielsweise ganzjährige Aktivitäten geplant. Zudem werden auch die Mitgliederbeiträge erhöht. «Wir wissen, dass es in Zukunft weitergehen wird.» Die Zurich Pride werde auch im kommenden Jahr wieder scheinen, einfach anders als bisher.