Es ist ein historischer Moment, der weit über Serbien hinaus Aufmerksamkeit erregt: Ana Brnabić ist seit dem 28. September 2026 amtierende Präsidentin Serbiens – als erste offen lesbische Frau an der Spitze eines Balkanstaates. Sie übernimmt die Amtsgeschäfte, nachdem Präsident Aleksandar Vučić zurückgetreten ist. Als Präsidentin der Nationalversammlung bleibt Brnabić höchstens 90 Tage im Amt, bis eine neue Präsidentin oder ein neuer Präsident gewählt wird.
Für Brnabić ist es nicht das erste Mal, dass sie eine politische Grenze durchbricht. Bereits 2017 wurde sie zur ersten Frau und ersten offen lesbischen Person, die das Amt der serbischen Premierministerin übernahm. Nun folgt der nächste historische Schritt.
Doch die Geschichte ist komplizierter als ein LGBTQ+-Meilenstein.
Brnabić gehört der Serbischen Fortschrittspartei (SNS) an und gilt als langjährige politische Verbündete Vučićs. Ihre Ernennung zur amtierenden Präsidentin ist deshalb nicht das Ergebnis einer Wahl, sondern folgt automatisch auf den Rücktritt des bisherigen Staatschefs: In Serbien übernimmt die Parlamentspräsidentin beziehungsweise der Parlamentspräsident in diesem Fall vorübergehend die präsidialen Aufgaben.
Vučić hatte am 27. September seinen Rücktritt angekündigt. Er will bei den vorgezogenen Parlamentswahlen am 25. Oktober antreten und damit offenbar einen Wechsel vom Präsidenten- ins mächtigere Regierungsamt vorbereiten. Die nächste Präsidentschaftswahl muss bis Ende Dezember stattfinden.
Für die queere Community bleibt Brnabićs Aufstieg dennoch bemerkenswert. Sie lebt offen lesbisch und hat mit ihrer Partnerin einen Sohn. Gleichzeitig wurde sie in der Vergangenheit von LGBTQ+-Aktivist dafür kritisiert, dass sie sich politisch nicht konsequenter für die Gleichstellung queerer Menschen eingesetzt habe. Während ihrer Zeit als Premierministerin nahm sie 2017 als erste serbische Regierungschefin an der Belgrader Pride teil.
Genau darin liegt die Besonderheit ihrer Geschichte: Eine offen lesbische Frau steht an der Spitze eines Staates, in dem die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung queerer Menschen längst nicht abgeschlossen ist. Sichtbare Repräsentation und politische Veränderung sind schliesslich nicht dasselbe.
Brnabićs Präsidentschaft dürfte nur wenige Monate dauern. Historisch ist sie trotzdem bereits jetzt. Zum ersten Mal steht auf dem Balkan eine offen lesbische Politikerin an der Spitze eines Staates – wenn auch vorerst nur auf Zeit.
