Erste Liebe, Coming-out, Begehren: Pierre de Maere holt seine Jugend nach

Musik

Nach seinem gefeierten Debüt und einem Duett mit Dua Lipa wird Pierre de Maere auf «Ave de Maere» persönlicher: Sein zweites Album erzählt von queerer Selbstfindung, Liebe und einer verspäteten Jugend.

Pierre de Maere weiss, wie man einen Auftritt hinlegt. Dandyhafte Eleganz, grosse Gesten, eine markante Stimme – und ein Popverständnis, das genauso viel Wert auf Bilder wie auf Songs legt. Mit seinem Debütalbum Regarde-moi wurde der Belgier 2023 innert kürzester Zeit zum neuen Namen der frankophonen Popmusik: Er gewann die Victoire de la Musique als «Révélation masculine», während «Un jour je marierai un ange» in Frankreich Diamantstatus erreichte. Später folgte ein Duett mit Dua Lipa auf «These Walls».

Jetzt zeigt de Maere, was hinter der sorgfältig komponierten Oberfläche steckt. Ave de Maere, sein zweites Album, ist autobiografischer als sein Debüt – und erzählt von Erfahrungen, die er beim ersten Mal noch nicht selbst gemacht hatte.

«Bei meinem Debüt waren meine Songs vor allem Fantasien und Träume. Ave de Maere handelt von Dingen, die ich wirklich erlebt habe»

sagt er im Gespräch mit BRUZZ.

Eine Jugend, die später begann

Der vielleicht spannendste rote Faden des Albums ist de Maeres queeres Coming-of-Age. Er beschreibt seine Entwicklung als eine Art verspätete Adoleszenz: Während andere ihre ersten Lieben, Partys und sexuellen Erfahrungen als Teenager erleben, begann diese Phase für ihn erst später.

«Ich bin jetzt 25, aber es hat bis zu meinem 18. Lebensjahr gedauert, bis ich mich selbst akzeptiert und wirklich angefangen habe zu leben», erzählt er BRUZZ. Seine Jugend an einer strengen katholischen Schule habe wenig Raum dafür gelassen, seine Sexualität auszuleben. 

«Ich hatte kein Liebesleben. Das kann ich nicht mehr nachholen. Mein grösstes Bedauern ist, dass ich nie eine Teenagerliebe hatte.»

Genau diese verlorene Zeit verarbeitet er nun in seinen Songs. Ave de Maere handelt von ersten Malen, von Verliebtheit und Begehren, aber auch von Unsicherheit, Eifersucht und der Angst, jemanden zu verlieren. Es ist weniger ein klassisches Coming-out-Album als das Porträt eines jungen schwulen Mannes, der vieles erst nachholt, was andere Jahre zuvor erleben konnten.

Besonders deutlich wird das in «Mon paradis». Der Song eröffnet das Album und blickt auf die Zeit rund um sein Coming-out zurück. «Ich habe mich in einen Jungen verliebt und dachte, es könnte etwas sehr Schönes werden. Aber ich hatte noch niemandem in meinem Umfeld erzählt, dass ich schwul bin», (BRUZZ). Das vermeintliche Paradies wurde dadurch zunächst zur Hölle: Die eigene Sehnsucht war da, aber auch die Angst davor, sie offen zu leben.

Auch gegenüber Marie Claire Belgique betont er, dass er Homosexualität nie zu seinem «Fonds de commerce» machen wollte – er wollte sie also nicht als Verkaufsargument einsetzen. Verschweigen wollte er sie allerdings ebenso wenig. Dass sie nun so selbstverständlich Teil dieses Albums ist, wirkt deshalb weniger wie ein Statement als wie ein Zeichen dafür, dass de Maere sich selbst nähergekommen ist.

Vom Kopf ins echte Leben

Dass Ave de Maere persönlicher klingt, ist kein Zufall. Für das Album hatte er drei Jahre Zeit – und nutzte sie. Rund hundert Demos entstanden, aus denen schliesslich zwölf Songs ausgewählt wurden. Beim ersten Album, erzählt er Marie Claire Belgique, habe er sich noch unter Zeitdruck gefühlt: Regarde-moi entstand innerhalb von nur sechs Monaten. Dieses Mal konnte er ausprobieren, verwerfen und warten. Auch einige «foireuses» Liebesgeschichten, also ziemlich missglückte Romanzen, lieferten Material.

«Wir haben sehr hart an den Texten gearbeitet, damit jedes Wort zählt»

sagt er gegenüber La Voix du Nord. Und genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zum Debüt: «Ich habe auf meinem ersten Album ziemlich allgemeine Dinge gesungen, ohne sie selbst erlebt zu haben. Jetzt spreche ich über meine eigenen Erfahrungen, meine eigenen Liebesgeschichten.»

Diese neue Direktheit bedeutet allerdings nicht, dass de Maere seine Lust an Pop und Inszenierung verloren hätte. Im Gegenteil. Songs wie «Opinel» verbinden schmerzhafte Trennung mit einer tanzbaren Produktion, während «I Don’t Wanna Sleep Tonight» die zurückhaltende Seite von Intimität erkundet. 

Auch visuell bleibt de Maere konsequent: Für das Cover wollte er seinen Körper ganz bewusst «im Raum und in der Zeit» verorten. Der Körper, das Begehren und die Frage, wie man gesehen werden möchte, ziehen sich damit nicht nur durch seine Texte, sondern auch durch die Ästhetik des Albums.

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Erst sich selbst, dann die Welt

Der Titel Ave de Maere ist Programm: Für Pierre de Maere geht es zuerst darum, sich selbst zu erobern – und danach die Welt. International ist er längst unterwegs, vom Platin-Debüt bis zum Duett mit Dua Lipa. Doch auf seinem zweiten Album geht es nicht um den nächsten Karriereschritt. Es geht um etwas Persönlicheres: herauszufinden, wer er ist, wenn die Inszenierung einmal wegfällt.

Und vielleicht ist genau das sein bisher mutigster Popmoment: Pierre de Maere will nicht mehr nur gesehen werden. Er will zeigen, wer da eigentlich steht.

«Ave de Maere» ist ab sofort auf allen gängigen Streaming-Plattformen verfügbar.

Andreas Koch

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Veröffentlicht:

26.09.2026

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