In der Nacht auf Sonntag rückte die türkische Polizei in mehreren Städten gegen LGBTQ-Organisationen, Aktivist und Treffpunkte aus. Betroffen waren unter anderem Istanbul, Ankara und Izmir. Nach bisherigen Angaben wurden mindestens 47 Menschen festgenommen; die Ermittlungen richten sich laut Justizministerium insgesamt gegen 162 Personen, neun Vereine und 13 Unternehmen in 15 Provinzen.
Die Behörden stellen die Aktion unter das Motto «Meine Familie ist sicher». Sie begründen das Vorgehen mit dem Schutz von Kindern, Familie und der öffentlichen Ordnung. Den Beschuldigten werden unter anderem Vorwürfe im Zusammenhang mit Prostitution und «Obszönität» gemacht. Auch Websites und Social-Media-Accounts queerer Organisationen wurden blockiert.
Für die LGBTQ-Community ist das kein isoliertes Ereignis. Unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich das politische Klima gegenüber queeren Menschen in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Pride-Veranstaltungen werden seit 2015 verboten und immer wieder von der Polizei aufgelöst. Nun geraten auch Organisationen ins Visier, die sich für LGBTQ-Rechte oder HIV-Prävention einsetzen.
Besonders brisant: Die Behörden verbinden ihre Ermittlungen mit dem Vorwurf, Minderjährige würden in Fragen von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität «beeinflusst». Menschenrechtsorganisationen weisen diese Darstellung zurück und werfen der Regierung vor, den Schutz von Kindern und Familie als Begründung für eine politische Kampagne gegen die queere Zivilgesellschaft zu verwenden. Auch aus dem Europäischen Parlament kommt deutliche Kritik.
Die türkische LGBTQ-Community steht damit vor einer neuen Bewährungsprobe. Homosexualität ist in der Türkei zwar nicht strafbar – doch rechtlicher Schutz vor Diskriminierung fehlt weitgehend, während der politische Druck auf queere Menschen und ihre Organisationen weiter zunimmt.
Was als «Schutz der Familie» bezeichnet wird, bedeutet für viele queere Menschen vor allem eines: mehr Angst, weniger Sichtbarkeit und immer weniger Raum, um frei zu leben.
