Geborgter Hass: Wie der Kolonialismus Afrikas Verhältnis zur Queerness umkrempelte

Politik

Bild: Christian Gutiérrez Martínez | Pexels
Senegal hat 2026 die Strafen für Homosexualität drastisch verschärft. Uganda sieht für bestimmte Fälle sogar die Todesstrafe vor. Ghana hat ein ähnliches Gesetz verabschiedet, das noch nicht in Kraft ist. Doch wer hinter die «afrikanischen Werte» blickt, entdeckt einen überraschend europäischen Fingerabdruck – einen, den Europa selbst längst weitgehend abgewaschen hat.

Eine Verschärfung in Echtzeit

Im Februar 2026 verhaftete die Polizei in Dakar zwölf Männer wegen mutmasslicher Verstösse gegen Artikel 319 des senegalesischen Strafgesetzbuchs. Im März verschärfte das Parlament die Bestimmungen: Aus bisher einem bis fünf Jahren Haft wurden fünf bis zehn Jahre, dazu kommen Geldstrafen von bis zu zehn Millionen CFA-Francs. Das Gesetz stellt zudem unter anderem die Förderung und Finanzierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen unter Strafe. Präsident Bassirou Diomaye Faye setzte die Reform Ende März in Kraft.

Senegal Protest | Bild: Felipe Esono Nguema | Pexels

Genau bei einem Wort – «ausländisch» – wird es kompliziert. Denn die Kriminalisierung ist kein uralter senegalesischer Brauch. Sie wurde zwar erst nach der Unabhängigkeit in den senegalesischen Strafkodex aufgenommen, entstand aber in einem Rechtssystem, das stark vom französischen Kolonialrecht geprägt war. Und auch die Behauptung, Homosexualität selbst sei ein westlicher Import, hält der historischen Faktenlage nicht stand.

Bevor die Missionare kamen

Gleichgeschlechtliche Beziehungen und unterschiedliche Formen von Geschlechterrollen gab es in verschiedenen Teilen Afrikas bereits vor der Kolonialzeit. Das bedeutet nicht, dass diese Gesellschaften «queer» im heutigen Sinne oder überall tolerant gewesen wären. Die damaligen Vorstellungen von Sexualität und Geschlecht lassen sich ohnehin nur begrenzt mit unseren heutigen Kategorien beschreiben.

Entscheidend ist etwas anderes: Die Vorstellung, gleichgeschlechtliche Beziehungen seien grundsätzlich «unafrikanisch», ist historisch nicht haltbar. Sie verkennt die Vielfalt vorkolonialer Gesellschaften ebenso wie die Tatsache, dass europäische Kolonialmächte neue religiöse und rechtliche Vorstellungen von Sexualität mitbrachten.

Ein koloniales Erbe

Besonders Grossbritannien exportierte Strafgesetze gegen «Sodomie» in weite Teile seines Empires. Solche Gesetze blieben nach der Unabhängigkeit in vielen Ländern bestehen und wurden später teilweise sogar verschärft. Die koloniale Vergangenheit erklärt damit einen wichtigen Teil der heutigen Rechtslage – aber nicht alles.

Denn aus dem kolonialen Erbe wurde im Laufe der Jahrzehnte etwas Eigenes. Postkoloniale Regierungen, religiöse Bewegungen und politische Akteure griffen die bestehenden Gesetze auf und verbanden sie mit Nationalismus und dem Ruf nach «afrikanischen Werten». So kann ein Gesetz europäische Wurzeln haben und dennoch Jahrzehnte später als Symbol des Widerstands gegen den Westen verkauft werden.

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Neues Geld, alte Erzählung

Heute kommt eine weitere Ebene hinzu. US-amerikanische evangelikale Organisationen haben in mehreren afrikanischen Ländern beträchtliche Summen investiert, um politische Debatten über Sexualität und LGBTQ-Rechte zu beeinflussen. Besonders deutlich zeigt sich das in Uganda, wo internationale christliche Netzwerke die Anti-LGBTQ-Bewegung unterstützt haben.

Damit wird die Geschichte geradezu paradox: Homosexualität wird als westlicher Import dargestellt, während ausgerechnet ein Teil der politischen Kampagnen gegen LGBTQ-Rechte von ausländischen Akteuren finanziert und ideologisch unterstützt wird.

Doch auch hier wäre es zu einfach, alles auf ausländischen Einfluss zu reduzieren. Anti-queere Politik ist längst Teil eigener nationaler Machtkämpfe. Sie ermöglicht Regierungen und politischen Bewegungen, sich als Verteidiger von Tradition, Religion und nationaler Souveränität zu inszenieren.

Warum ist Europa heute anders?

Europa war nie von Natur aus tolerant. Auch dort wurden Menschen jahrhundertelang wegen gleichgeschlechtlicher Beziehungen verfolgt und bestraft. Der Wandel kam nicht durch eine Rückkehr zu einer uralten Liberalität, sondern durch jahrzehntelangen Aktivismus, gesellschaftlichen Wandel und Gerichtsentscheidungen.

Grossbritannien entkriminalisierte gleichgeschlechtliche Handlungen zwischen Männern in England und Wales erst 1967 – und zunächst nur teilweise. 1981 erklärte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Kriminalisierung einvernehmlicher homosexueller Handlungen in Nordirland für unvereinbar mit dem Recht auf Privatleben. Europas heutige Liberalität ist deshalb kein uraltes Erbe, sondern das Ergebnis eines politischen Kampfes.

Eine Landkarte, die sich noch verändert

Auch in Afrika ist die Entwicklung nicht festgeschrieben. Während einige Staaten in den vergangenen Jahren gleichgeschlechtliche Beziehungen entkriminalisiert haben, verschärfen andere ihre Gesetze. Ghana hat 2026 ein neues Anti-LGBTQ-Gesetz verabschiedet, das noch nicht in Kraft ist; Senegal hat seine Strafen verschärft.

Die Geschichte bewegt sich also nicht einfach von «traditionell» zu «modern» oder umgekehrt. Was heute als uralter afrikanischer Wert präsentiert wird, ist häufig das Ergebnis einer viel jüngeren Geschichte – geprägt von Kolonialismus, Religion, Politik und globalen Einflüssen.

Und genau darin liegt die Ironie: Der Hass, der heute als Schutz vor dem Westen verkauft wird, trägt vielerorts selbst dessen historischen Fingerabdruck.

Andreas Koch

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Veröffentlicht:

24.08.2026

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