Es klingt nach einer überstrapazierten Metapher, doch in diesem Fall trifft sie zu: Valerie Reding passt in keine Schublade. «Es passiert oft, dass meine Arbeit nicht eindeutig zugeordnet werden kann», erzählt Reding. «Wenn ich mich für Förderprogramme bewerbe, sagen die einen, ich mache Tanz, andere sehen eher Performancekunst.»
«Binäre Geschlechterkategorien haben für mich nie Sinn gemacht.»
Utopien gegen die Unsicherheit
Seit Jahren bewegt sich Valerie Reding zwischen verschiedenen Disziplinen und lässt deren Grenzen bewusst verschwimmen. Kürzlich war Reding in Buenos Aires zu Gast, wo im Rahmen einer Künstler*innenresidenz im Kulturzentrum Nos en Vera eine Adaption des Stücks «Wet Dreams» gezeigt wurde, das ursprünglich im Tanzhaus Zürich uraufgeführt wurde. Die Atmosphäre der Performance ist düster und schwülfeucht – ganz im Sinne ihres Titels. Begleitet wird sie von den Noise-Interventionen des Künstlers Genosidra. Zwischen den dunklen Bildern öffnen sich jedoch immer wieder Räume für queere und alternative Zukunftsentwürfe. Utopien erscheinen möglich – selbst in einem gesellschaftlichen Klima, das vielerorts zunehmend von Unsicherheit und autoritären Tendenzen geprägt ist.
Autokraten hassen Kultur
Auch in Argentinien ist dieser Wandel spürbar. Die Kulturpolitik der Regierung von Präsident Javier Milei hat zahlreiche Institutionen und Kulturschaffende unter Druck gesetzt. Fördergelder werden gekürzt, kritische und queere Projekte verlieren an Sichtbarkeit. Für Valerie Reding ist das kein Zufall: «Autoritäre Regierungen greifen oft zuerst die Kultur an. Kunst ist einer der Orte, an denen bestehende Machtverhältnisse hinterfragt und kritisiert werden können.» Für autoritäre Machthaber stelle das eine Gefahr dar.
Geboren und aufgewachsen in Luxemburg, lebt Valerie Reding seit 17 Jahren in der Schweiz. Bereits im Alter von vier Jahren begann Valerie mit klassischem Ballett. Während der Jugend wurden die körperlichen Grenzen des klassischen Tanzes zunehmend spürbar, und die Suche nach neuen Ausdrucksformen begann. Als erste Person in der Familie schlug Valerie Reding einen künstlerischen Weg ein und musste sich den Zugang zur Kunstwelt weitgehend selbst erschliessen.
Ein Architekturstudium an der ETH Zürich führte Valerie Reding in die Schweiz. «Ich dachte damals, Architektur sei die ideale Verbindung von Kunst und Wissenschaft», erinnert sich Reding. «Doch irgendwann merkte ich, dass mein Herz anders schlägt.» Es folgten Studien in Medienkunst an der Zürcher Hochschule der Künste sowie an der Universität für angewandte Kunst Wien. Parallel dazu arbeitete Valerie Reding international als Make-Up-Artistin und entdeckte während eines Aufenthalts in San Francisco die Kunst des Drag.
Szenen aus dem Stück «Wet Dreams», das im Tanzhaus Zürich uraufgeführt wurde:
Drag-Künstler*in
Bis heute prägt diese Vielseitigkeit die künstlerische Praxis. Valerie Reding bezeichnet sich auch im Kunstkontext selbstverständlich als Drag-Künstler*in. «Natürlich darf Drag auch unterhalten. Ich sehe darin nichts Negatives. Im Gegenteil: Drag erreicht oft Menschen, die sonst kaum Berührung mit Kunst haben. Warum sollte ein Nightlife-Event, an dem ich meine Botschaften auf zugängliche Weise vermittle, weniger wert sein als eine Ausstellung vor immer denselben Personen aus dem etablierten Kunstbetrieb?»
«Natürlich darf Drag unterhalten. Ich sehe darin nichts Negatives. Im Gegenteil: Drag erreicht oft Menschen, die sonst kaum Berührung mit Kunst haben.»
Valerie Reding bezeichnet sich als genderqueer und pansexuell. Starre Kategorien haben für Reding nie eine zentrale Rolle gespielt. «Binäre Geschlechterkategorien haben für mich nie Sinn gemacht. Erst später habe ich die Begriffe kennengelernt, die es mir ermöglichten, darüber zu sprechen und meine Identität zu benennen.»
Vielleicht erklärt genau das, weshalb sich Valerie Reding jeder eindeutigen Zuordnung entzieht: Die Arbeit entsteht dort, wo Kategorien enden und neue Möglichkeiten beginnen.
«Es passiert oft, dass meine Arbeit nicht eindeutig zugeordnet werden kann.»
Bilder aus der Aufführung «Monsters»:
WO IST VALERIE REDING ZU SEHEN?
Aktuelle Termine und Informationen veröffentlicht Valerie Reding laufend über das eigene Instagram-Profil: valerie.reding
Text Rico Schüpbach, Buenos Aires
