Klassische Romeo-und-Julia-Ballette erzählen eine bekannte Geschichte: Zwei junge Menschen verlieben sich auf einen Blick, ihre Familien wollen es nicht, sie sterben. Cathy Marston, die vielfach ausgezeichnete Choreografin, ändert wenig daran und doch alles. Sie arbeitet nicht an der Handlung, sondern an dem, was darunter liegt, dem Begehren auch zwischen den Männern. Sie fragt nicht, wie die Geschichte endet, sondern: Wer begehert wen wirklich auf dieser Bühne?
Romeo weint um einen Mann
Die Geschichte entfaltet sich auf einem Marktplatz, wo Blumen den Raum prägen. Karen Azatyan als Romeo bewegt sich durch den Raum wie ein Kunstwerk – sein Körper ist Selbstzweck, nicht Mittel zum Zweck. Dunkles Haar, ruhiger Blick. Eine Schönheit, die niemanden braucht und gerade darum unwiderstehlich ist.
Plötzlich bricht das Licht weg. Die Bühne wird zur Finsternis. Mercutios Tod wird anders inszeniert. Nicht durch Degenstich von Tybalt, sondern durch einen zerbrechenden Spiegel, eine Verschiebung, die tiefer reicht als oberflächliche Umgestaltung. Charles-Louis Yoshiyama, der Mercutio spielt, tanzt einen Todeskampf zwischen Lachen und Weinen. Der Körper fällt, erhebt sich, scherzt, fällt erneut. Erst nach und nach wird sichtbar: Der beste Freund ist verloren.
Zärtlichkeit im Tod
Die Nähe zwischen Romeo und Mercutio wird spürbar, Berührungen, die sich Zeit nehmen, Blicke, die ein Verständnis ausdrücken, das über Worte hinausgeht. In diesem Moment offenbart sich: Diese Freundschaft trägt ein anderes Gewicht. Sie ist eine emotionale und körperliche Intimität – und sie ist sichtbar. In den Bewegungen, in der Körpernähe, in der Zärtlichkeit, mit der Romeo seinen sterbenden Freund berührt. Das ist Begehren zwischen Männern: Unausgesprochen, aber unmissverständlich.
In diesen feinen Verschiebungen liegt Cathy Marstons Innovation: eine Männlichkeit, die sich nicht rechtfertigen muss – fragil, zärtlich, sehnend. Körper, die sich berühren, weil sie sich sehnen. Das ist anders als das, was wir kennen – nicht Stärke, sondern Intimität, Sehnen, der Schmerz des Verlusts. Darin wird Nähe zwischen Männern möglich und vielfältiger, als die traditionelle Erzählung zulässt.
Ballett von Cathy Marston nach der gleichnamigen Tragödie von William Shakespeare. Musik von Sergej Prokofjew. Spieltermine im November und Dezember 2026. Alle Termine und Ticketinformationen findest du unter opernhaus.ch.
Reportage: Nicola Walpen
Zukünftige Veranstaltungen und Tickets
Freitag, 20 Nov um 19.00
Freitag, 27 Nov um 19.30
Sonntag, 29 Nov um 13.00
Sonntag, 06 Dez um 20.00
Sonntag, 13 Dez um 14.00
Samstag, 19 Dez um 19.00
Samstag, 26 Dez um 19.30
zum letzten Mal: Sonntag, 27 Dez um 20.00








