Mein Hausarzt Dr. Weber ist wahnsinnig schlecht. Nicht böswillig oder absichtlich. Er steht kurz vor der Pensionierung und macht daher nur noch das absolute Minimum. Irgendwie erinnert er mich an einen Lehrer, den ich in der Sekundarschule hatte. Der war damals 64 Jahre alt und machte Frontalunterricht direkt aus dem Lehrbuch. Eines Morgens startete er in den Algebraunterricht, bis jemand von uns den Mut aufbrachte, ihm zu sagen, dass Deutsch auf dem Stundenplan stehe. Ähnlich zerstreut wirkt Dr. Weber. Er vergisst Termine, spricht am liebsten übers Wandern und verlässt während der Untersuchung gerne mal ohne Begründung für zehn Minuten den Raum. Es grenzt fast schon an ein Wunder, dass er mir statt Hustensirup noch keine Urinproben in die Hand gedrückt hat.
Schnipp Schnapp
Letzten Sommer suchte ich ihn auf, weil sich ein Leberfleck am Rücken vergrössert hatte. Nachdem er einen kurzen Blick darauf geworfen hatte, meinte er: «Nein, der sieht für mich ganz normal aus.» – «Aber Herr Dr. Weber, ich spüre beim Eincremen, dass der sich in der Form verändert hat.» «Ok, wissen Sie was? Ich mache ein Foto davon. In drei Wochen kommen Sie zurück und wir gucken, ob man einen Unterschied sieht.» Als ich drei Wochen später zurückkehre, kann er sich noch bruchstückhaft an den ersten Besuch erinnern. «An welchem Bein war der Fleck nochmals?» – «Nein, er war am Rücken.» «Stimmt, wir hatten ein Foto gemacht. Können Sie mir zeigen, wo ich das auf meinem Handy finde?». Nachdem ich mich durch einen Haufen Fotos von ihm beim Wandern und Hämatome von anderen Patienten gewischt habe, finden wir mein Bild. «Sie haben recht. Der hat sich wirklich vergrössert. Am besten machen wir eine Biopsie.» Nachdem er die Gewebeprobe entnommen hat, meint er, er melde sich kommende Woche bei mir mit dem Resultat.
Ein kleines Karzinömli
Inzwischen sind zwei Monate vergangen. Von meinem Arzt habe ich nichts gehört. Also rufe ich ihn an. «Herr Richter, gut dass Sie sich melden. Tut mir leid, ich habe Sie völlig vergessen. Ja, bad news, Sie haben ein Krebsi.» – «Bitte was?». «Machen Sie sich keine Sorgen, ist nur ein weisses Hautkrebsli.» Ich stammle ein OK und sage dann: «Entschuldigung, aber haben Sie ernsthaft gerade Krebsli gesagt?» – «Ja, das ist etwas salopp ausgedrückt von mir, entschuldigen Sie. Der korrekte Begriff ist ‘Basalzellkarzinömli’.»
Sorry, aber das geht nicht. Als ernstzunehmender Mediziner kannst du doch nicht einfach ein «Li» an die Krankheit hängen, um sie weniger schlimm zu machen. Ich wette, der Arzt von Freddie Mercury hat damals auch nicht gesagt: «Tut mir leid, Herr Mercury, Sie haben ein Aidsli.» Am Telefon fordert mich mein Arzt auf, ihn ein drittes Mal zu besuchen, damit der ganze Leberfleck entfernt werden könne. Zwei Wochen später versichert er mir, dass das «Krebsli» weg sei. Er wünscht mir alles Gute, er gehe nächsten Monat in Pension.
Weil die ganze Geschichte so absurd ist, habe ich daraus mittlerweile eine Comedynummer gemacht. Dr. Weber weiss nicht, dass ich auf Bühnen Witze erzähle, daher ist es ausgeschlossen, dass er sie je zu Gesicht bekommen wird.
Nachfolger aus dem Iran
Mittlerweile wurde Dr. Weber durch einen jüngeren Arzt ersetzt. Ich weiss das, weil ich ihn aufgesucht habe. Er heisst Dr. Ahmadi und wurde im Iran geboren. Dieses Mal sind Schmerzen im Ellbogen der Grund dafür, dass ich den Weg in die Praxis auf mich nehme. Ein klassischer Golferellenbogen vom falschen Training, gemäss Google. Aber ich gehe davon aus, dass es der Arzt nicht goutiert, wenn ich ihm die Diagnose direkt mitliefere. Dr. Ahmadi drückt an zwei Stellen, fragt mich, welchen Sport ich mache und diagnostiziert mir nach zwei Minuten einen Golferellenbogen.
«Allenfalls kommt das Problem von einer falschen Sitzposition im Büro», meint er mahnend. Das sei nicht möglich, erkläre ich ihm. «Ich habe keinen Bürojob, ich mache Comedy.» Eine Aussage, die ich direkt bereue. Dr. Ahmadi erweist sich als Comedy-Nerd und löchert mich mit Fragen rund ums Thema Witzeschreiben. «Wissen Sie, ich wollte das auch mal machen, aber meine Eltern haben mich zum Studium gedrängt.»
Während ich besorgt auf die Uhr blicke, im Wissen, dass ich jede Minute hier bezahlen muss, zeigt er mir auf seinem Laptop Clips seiner iranischen Lieblingscomedians. «Machen Sie so was Ähnliches?», fragt er mich begeistert. «Ja voll», erwidere ich leicht gestresst. «Ich muss dann mal, ähm, ich habe noch einen Anschlusstermin.» – «Ah, schade», sagt er leicht enttäuscht. «Falls Sie mal einen Auftritt in der Region haben, komme ich gerne mit meiner Frau vorbei.» – «Unbedingt», sage ich mit meinem schönsten Stockzahnlächeln. Ich kann es kaum erwarten, dass er die Nummer über seinen Vorgänger hört.
Frank Richter
Frank Richter ist mit seinem vierten Soloprogramm unterwegs. Ehrlicher, direkter und wandlungsfähiger denn je. #Lovemyjob ist ein wilder Ritt zwischen messerscharfer Alltagsbeobachtung und rabenschwarzem Humor.
Daten: frankrichter.ch
