Geplantes Pride-Festival in Israel trifft auf breiten Widerstand
Am Toten Meer soll im Juni ein queeres Grossfestival stattfinden – promotet vom israelischen Aussenministerium. Die Kritik kommt von allen Seiten.
Am 1. Juni soll in Ein Bokek am Toten Meer eine Stadt aus dem Boden gestampft werden. Vier Tage lang, 15 Hotels, Strandbars, Bühnen, Workshops. «Pride Land» heisst das Projekt. Laut seinen Organisatoren wird es das grösste queere Festival, das der Nahe Osten je gesehen hat. Das ist ihre Aussage. Überprüfen lässt sie sich nicht. Interessanter ist ohnehin, was ausserhalb des Festivalgeländes passiert.
Pride rises at the lowest place on earth 🌈 This June the Dead Sea becomes Pride Land, the biggest LGBTQ+ festival ever in the Middle East. Four days of nonstop celebration community and connection.
— Israel ישראל (@Israel) April 20, 2026
Israel celebrates its LGBTQ+ community bigger than ever 💙 pic.twitter.com/JxqjQGNB7z
Hinter dem Festival steht die Produktionsfirma X Production. Ihr CEO Jonathan Gadol und Hauptproduzent Aaron Cohen haben nach eigenen Angaben Millionen in das Projekt investiert, ganze Hotels für vier Tage gemietet und eine temporäre Stadt in der Wüste Judäas hochgezogen. Neben Partys soll es Familienzonen, Kulturveranstaltungen und Workshops geben. Publikum aus Israel und dem Ausland ist gleichermassen erwünscht. Das israelische Aussenministerium bewirbt den Event auf seinem offiziellen X-Account, ohne ihn staatlich zu finanzieren.
Das Ministerium schaltet sich ein
Genau dieser Punkt lässt sich nicht ignorieren. Israel befindet sich formell im Kriegszustand. Der Waffenstillstand in Gaza gilt seit Oktober 2025, doch die Lage bleibt instabil: Bodeneinsätze im Libanon, Luftschläge gegen den Iran seit Ende Februar 2026, Raketenbeschuss aus verschiedenen Richtungen. Das Auswärtige Amt in Berlin warnt weiterhin vor Reisen nach Israel, das britische Foreign Office ebenso. Gleichzeitig steckt der israelische Tourismus in seiner schwersten Krise seit Jahrzehnten. 2019 kamen noch knapp fünf Millionen Besucherinnen und Besucher ins Land. 2024 waren es nach Angaben des israelischen Tourismusministeriums rund eine Million.
Ein millionenschweres queeres Grossevent, aktiv vom Aussenministerium beworben, bekommt in diesem Kontext eine zweite Lesart. Kritikerinnen und Kritiker sprechen von Pinkwashing: dem gezielten Einsatz von LGBTQ+-Sichtbarkeit, um das internationale Image eines Staates aufzubessern, der auf anderen Feldern unter Druck steht. Der Begriff ist nicht neu. In der Debatte um Tel Aviv Pride kursiert er seit Jahren. «No Pride in Genocide» schrieben Aktivistinnen und Aktivisten auf Social Media, als die Ankündigung bekannt wurde. Das ist eine politische Zuspitzung. Eine belegbare Kausalität ist es nicht. Die Frage dahinter ist trotzdem berechtigt: Welche Erzählung soll ein Festival dieser Grössenordnung, an diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt stützen?
Kritik von zwei Seiten
Die Reaktionen auf die Ankündigung sind in ihrer Herkunft aufschlussreich. Religiös-fundamentalistische Stimmen aus den USA stören sich vor allem am Schauplatz: Ein Teil des Toten Meeres gilt in biblischer und koranischer Überlieferung als Ort der untergegangenen Städte Sodom und Gomorra. Evangelikale Pastoren sprachen auf X von Gotteslästerung, ein Siebenten-Tags-Adventisten-Blog nannte das Festival «verabscheuungswürdig». Diese Reaktionen sagen mehr über ihre Urheber aus als über das Festival. Als neutrale Informationsquelle taugen sie nicht.
Why here? They are mocking God. https://t.co/vk4hEF9nh6 pic.twitter.com/b554TzhPAt
— Fr. Michael Lillie (@FrLillie) April 21, 2026
Anders gelagert ist die Kritik, die aus queeren und linken Kreisen kommt. Sie verweist auf den Widerspruch zwischen LGBTQ+-Rechten in Israel und der Realität für Palästinenserinnen und Palästinenser. Israel ist der einzige Staat der Region, in dem homosexuelle Handlungen nicht strafbar sind, seit 1992 gilt ein gesetzliches Diskriminierungsverbot am Arbeitsplatz aufgrund der sexuellen Orientierung, im Ausland geschlossene gleichgeschlechtliche Ehen werden anerkannt. Diese Rechte gelten für die Bevölkerung in Gaza und dem Westjordanland nicht. Palästinensische queere Aktivistinnen und Aktivisten haben das klar benannt: Queere Sichtbarkeit in Israel, so ihr Argument, lasse sich nicht von der Besatzung und dem Krieg trennen, dem die palästinensische Bevölkerung ausgesetzt ist.
Privat organisiert, staatlich promotet
Das Festival ist privat finanziert und organisiert. Gleichzeitig ist es keine neutrale Kulturveranstaltung, wenn das Aussenministerium den Event aktiv auf seinen Kanälen bewirbt. Das ist eine Entscheidung, die getroffen wurde. In einer Situation, in der das internationale Ansehen Israels unter erheblichem Druck steht und der Tourismus eingebrochen ist, trägt das Festival eine Botschaft, die über das Programm hinausgeht.
Queere Sichtbarkeit lässt sich nicht pauschal für andere Zwecke einspannen. Und sie rechtfertigt nicht, alles andere auszublenden. Pride Land wird diese Spannung nicht auflösen. Es wird sie für vier Tage sehr sichtbar machen.

Maurice Müller
Online Redakteur
DISPLAY Magazin
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